Donnerstag, 8. September 2005

alles maggi, oder was?

sehr geehrtes maggi-kochstudio,

es war ziemlich warm die letzten tage. zu warm, wenn sie mich fragen. die sonne brennt einem seit geraumer zeit auf den kopf und reduziert das hirn auf eine kleine, schrumpelige masse, die nur noch die grundversorgung des körpers garantiert.

in meinem fall machte das not-und-wärme-sparprogramm mit einem deutlichen magenknurren, gefolgt von einem röhrenden, rumpelnden ton in meinen eingeweiden darauf aufmerksam, dass nahrungszufuhr in der nächsten halben stunde ganz angebracht wäre. andererseits stöhnte der teil meines gehirnes, der für die motorik zuständig ist, dass allzuviel bewegung in irreparabler erschöpfung münden würde.

die lösung dieses recht schwierigen problems, in dem zwei systeme meines körpers um selbsterhalt kämpften, lag recht nah und ich möchte feststellen, dass sie, liebe maggi-tanten und -onkel, quasi den grundstein für die lösung gelegt haben. das stichwort lautet: fix...denn fixer als mit ihren pulverisierten lebensmitteln kann man gar nicht etwas warmes auf den tisch zaubern.

also quälte ich mich zu meinem küchenregal, um die ausbeute des letzten einkaufes in augenschein zu nehmen.

bei diesem wetter musste es etwas leichtes sein, am besten etwas, auf dem man nicht stundenlang rumkauen muss (siehe körperliches sparprogramm) und das den magen beschäftigt, aber nicht mit einem allzu komplexen verdauungsvorgang überfordert.
mir lächelte eine tüte tomatensuppe zu, auf der der umriss eines extrem schlanken menschen, der euphorisch seine arme in die höhe streckt, abgebildet war. die tüte wisperte: "feel good". und nichts traf den kern meiner sehnsucht mehr, als mich good zu fühlen.
von einem ökologisch korrekten grün umrandet prangte mir verlockend der aufdruck "+folsäure" entgegen, demnach sollte ein teller davon so viel enthalten wie zwei frische tomaten.
na wunderbar, lächelte ich verzückt, da soll mal einer sagen, dass 50 gramm pulver nichts gesundes enthalten.

das wasser brodelte mittlerweile im kochtopf, exakt 500 ml, des lesens mächtig, befolgte ich artig die packungsbeilage..."nur noch öffnen und reinschütten" murmelte ich, griff zur schere, schnitt den oberen rand ab und erstarrte... aus der tüte schlug mir ein geruch entgegen, der in etwa dem eines vom regen feuchten, männlichen schabrackentapires auf brautschau entsprach, so zumindest stellte ich mir den geruch dieses possierlichen tieres vor. vielleicht hätte es auch ein dsungarischer zwerghamster, der kurz vor seiner letzten ölung sein letztes kleines, weltliches geschäft herauspresst, sein können
...missbilligend verzog sich meine stirn. wenn ich schabrackentapire oder zwerghamster hätte verspeisen wollen, hätte ich fallen in unserem garten aufgestellt oder die drei meerschweinchen meines vermieters in die pfanne gehauen und keine suppentüten geöffnet.

der hunger und mein optimismus überwogen, mit todesverachtung kippte ich den inhalt der tüte in den kochtopf, wo er sich binnen null komma nichts auflöste und gepaart mit wasserdampf meine olfaktorischen empfindungen beim öffen der tüte übertrumpfte und nun blubbernd seinen weg in meine irritierte nase bahnte.

ich versuchte mich zu beruhigen, vielleicht rührte der gestank von der folsäure her, deren geruch ich damals im chemieunterricht schlichtweg nicht kennen- und liebengelernt hatte, weil ich meist durch abwesenheit glänzte, was mir im 12. jahrgang berechtigte drei punkte auf dem zeugnis bescherte.
meinem chemielehrer schrieb ich in einer klausur auf das ansonsten weisse blatt, dass es mir leid täte, nicht gelernt zu haben, dass ich aber nicht gedenken würde, die mickrigen punkte dieses faches in mein abitur mit einzubringen, ja, sogar im gegenteil vor hätte, diesen kurs alsbald abzuwählen.

damals wurde ich zum direktor zitiert, der mir einen vortrag darüber hielt, dass angehende abiturientinnen ein wenig mehr begeisterung für das existente schulsystem aufbringen müssten, um nicht irgendwann bei aldi an der kasse zu landen, die im übrigen nicht ihre produkte vertreiben, aber was schreibe ich da, ich schweife vom wesentlichen ab.

ich feelte mich also überhaupt nicht gut, mir war schon schlecht, bevor die tomatensuppe überhaupt auf meinem teller landete. drei minuten musste das gebräu noch kochen und in dieser zeit bildeten sich neben den obligatorischen blasen seltsame orange-graue inseln, die unter umständen von dem pulverisierten olivenöl herrührten, das langsam wieder einen flüssigen zustand einnahm.

auch die grünen punkte, die den wiederbelebten basilikum darstellten, konnten mich nicht darüber hinwegtrösten, dass der schabrackentapirartige-geruch exponential zur kochzeit anschwoll und mittlerweile die ganze wohnung durchflutete und meine kleinen monster dazu veranlasste, mir mitzuteilen, dass sie noch vom schulbrot/ kindergarten-snack satt waren.

nun weiss ich sehr wohl, dass es lebensmittel gibt, die bis zum himmel stinken, auf dem gaumen dennoch ungeahnte glücksgefühle herbeizaubern. die frau an der käsetheke des supermarktes meines vertrauens kann diese these sicherlich belegen, wenn sie meiner freundin den teller mit den käsespiessen zum probieren hinhält, der nach feuchtschimmeligen füssen riecht, nachdem man drei tage lang mit synthetischen socken und gammeligen turnschuhen durch die wüste gobi gejoggt ist, und die gute nicht, wie es der anstand gebietet, dankend ein stück animmt, sondern den ganzen teller leerfuttert und dabei anerkennende geräusche von sich gibt, die nach "öööööööhmjanmjamhmpfgnnnnmjam" klingen.

insofern war ich gewillt, das kochexperiment nicht an ort und stelle abzubrechen, sondern mir einen teller aufzufüllen, um die suppe auszulöffeln, die ich mir selbst eingebrockt hatte.

ich traute meinen augen kaum, auf meinem teller hockte ein schabrackentapir, der hähmisch grinste und "feel good" flüsterte, während er langsam in der rotorangenen brühe versank. ich erschlug ihn mit meinem löffel, schloss die augen und probierte...

sie erwarten jetzt bestimmt, dass sich all die vorangegangenen erlebnisse in wohlgefallen auflösen, eine zufriedene konsumentin den inhalt ihres tellers förmlich inhaliert, während die geschmacksnerven ungeduldig nach "mehrmehrmehr" johlen.

doch leider muss ich sie enttäuschen.

nach drei löffeln kapitulierte ich entnervt, kroch zum kühlschrank und schmierte mir unter aufgebot meiner letzten kraftreserven eine wurst-stulle, während sich meine toilette über gänzlich neuen input freute, der jetzt den ratten in der kanalisation zu schaffen macht.

meine damen und herren, ich liebe ihre fix-produkte, der bauerntopf schmeckt wirklich grandios, auch der winzertopf ist nicht zu verachten und ihre stinknormale tomatensuppe ohne folsäure und good-feel-effekt erfreut normalerweise das herz unserer kleinen familie, aber bei dieser tomatensuppe mit basilikum und olivenöl müssen ihre testesser allem anschein nach unter einer grippe-epidemie gelitten haben, die alle gustatorischen fähigkeiten lahmgelegt hat, so dass alle probanten den daumen hoch gehalten haben, aus angst, ihren arbeitsplatz zu verlieren.

ich bitte sie hiermit inständig, die zusammensetzung ihres produktes zu überdenken, ein wenig mehr tomate und dafür weniger tapirgeschmack wären von vorteil, wenn sie mich als kundin erhalten wollen.

mit freundlichen grüssen

ihre tess (zuggermuddi)

p.s. die zweite, unselige tüte dieses produktes werde ich meiner tante vorsetzen, wenn sie einmal zu besuch kommen sollte, ich konnte sie noch nie richtig leiden.

Mittwoch, 31. August 2005

der kleine-monster-wahl-o-mat

das kinderzimmer sieht aus wie aus einem prospekt für neue meister proper-produkte und dieser zustand wird meinen berechnungen nach noch genau 24 stunden anhalten, denn dann haben wir allerspätestens unser persönliches erdbeben gehabt in form von zwei kindern, deren daseinsberechtigung sich anscheinend nur daraus ableitet, dass sie binnen möglichst kurzer zeit so viele kisten wie möglich ausräumen, den auf dem fussboden enstandenen berg noch mal ordentlich durchrühren, damit eine möglichst undurchdringliche masse entsteht und entzückungsschreie ausstossen, wenn die liebe mama hilflos mit den armen rudert, nachdem sie auf lego/ murmeln/ plastikspinnen (beliebig erweiterbar: hauptsache klein und hart und bohrt sich unerbittlich in zarte frauenfüsse) ausgerutscht ist, um dann mitten im chaos zu versinken.

und dann die weisheit aus unerbittlichem kindermund, denn nur sie und betrunkene verkünden die unumstössliche wahrheit:
"mama, wenn ich wählen könnte, würde ich die fdp wählen."

ein verwirrtes "warum?" aus meinem mund, während ich vorsichtig meinen fuss richtung mund biege, um die hämathome durch zartes pusten zu besänftigen, geschundene füsse, die nie wieder das reich der zwerge betreten wollen.

"ist doch klar, die haben die meisten plakate in der stadt hängen"

na dann gut' nacht, liebe chaostruppe, möget ihr auf einer westerwelle ins land der träume gleiten.

Mittwoch, 10. August 2005

dumme angewohnheiten

jeden morgen das bett machen
kissen klopfen
decken falten
obwohl ich das haus verlasse
und die einizige bin
die einen schlüssel hat.

jeden tag das online-banking öffnen
den kontostand hypnotisieren
in der hoffnung
dass eine gute fee
rot in schwarz verwandelt
obwohl der monat noch lang ist.

jeden abend die zigarette danach
wenn alles still ist
mit einem eukalyptus-extra-stark-bonbon kombinieren
obwohl es mentholzigaretten gibt
die mir nach 10 jahren immernoch nicht munden.

Sonntag, 7. August 2005

who the fuck is chad kroski?

sehr geehrte damen und herren von t-mobile,

gestern nachmittag erreichte ich den absoluten tiefpunkt der woche, nachdem ich vier stunden im strömenden regen stand, um haus und hof auf einem flohmarkt, komprimiert auf drei meter klapprigen tapeziertisch, an den mann zu bringen. an dieser stelle möchte ich mich noch einmal bei meinem vater bedanken, der so ausserordentlich gütig war, mir einen zweiten tisch zur verfügung zu stellen, um die verkaufsfläche zu verdoppeln. königinnen mutter wies mich darauf hin, dass der tisch vielleicht ein wenig wackelig sei. dieser brach, klebebandgestützt, nach 10 minuten ächzend zusammen, so dass sich diverser tand auf dem feuchten asphalt des supermarkt-parkplatzes ergoss. auch petrus machte mir einen strich durch die rechnung, er hielt anscheinend nichts von meinen plänen, unermesslich reich zu werden und schickte getreu dem motto "selig sind die armen, denn ihnen gehört das himmelreich" einen platzregen nach dem anderen runter, der mich unerbittlich durchweichte und mich zwang, klappkisten und umzugskartons wieder zu füllen, um unverrichteter dinge nach hause zurückzukehren, damit ich mich auswringen konnte.
warum schreibe ich ihnen das alles?

ich möchte ihnen klar machen, dass ich müde war, sehr müde, denn mein wecker klingelte um 6.00 uhr morgens (im übrigen schien zu diesem zeitpunkt tatsächlich die sonne). desweiteren war mir trotz ausgiebigem wannenbad, um regen und geldsorgen abzuspülen, immernoch kalt und ich fühlte mich nicht in der lage, wie üblich einen tee zu kochen, mir ein buch zu schnappen und mich ins bett zu verkrümeln, bis die welt wieder ein wenig freundlicher auf mich wirkte.

anstattdessen schaltete ich den fernseher ein, was ich im normalfall höchstens alle 2 wochen mache und dann grundsätzlich nur nach 20 uhr, um einen spielfilm anzuschauen, bei dem ich aller wahrscheinlichkeit nach süss und selig einschlafe. nun verfolgte ich mit stumpfen blicken irgendeinen zusammenschnitt von "top of the pops" (oh mein gott, wie tief bin ich gesunken, dass ich das hier eingestehe?) über deutsche hiphopper und hatte nicht mehr die kraft, die fernbedienung zu heben, um dem flimmernden bildschirm den elektromagnetischen gnadenstoss zu verpassen.
insofern war es unausweichlich, dass ich mit einer der werbepausen konfrontiert wurde, die in regelmässigen abständen von 15 minuten das programm unterbrechen, wobei das eine nicht unbdingt niveauvoller als das andere sein muss und mir in dem moment wirklich alles egal war.

auf diese art und weise lernte ich steve, anna und chad kroski kennen, die protagonisten ihrer web 'n-walk-kampagne und damit wären wir auch bei dem grund angelangt, warum ich ihnen schreiben möchte.
natürlich habe ich auf amazon nach dem herren kroski gesucht, denn es verwunderte mich sehr, dass ich, die im schnitt zwei bis drei romane pro woche liest und deren zweites wohnzimmer die ortseigene bücherei ist, noch nie von diesem menschen gehört habe, zumal er laut ihrer werbung als bestseller-autor tituliert wird. meine suche verlief erfolglos, so dass mir aufging, dass der herr kroski vermutlich dem gehirn eines ihrer werber entsprungen ist und somit als reale persönlichkeit nicht existiert. das ist sehr bedauerlich, weil ich mich über literarische anregungen immer ungemein freue. bei mir herrscht chronischer buchmangel, da ich gute bücher förmlich mit den augen inhaliere.

entsetzlicher als die nicht vorhandene existenz von herrn kroski, der vermutlich dafür verantwortlich ist, dass anna des nachts mit steve noch geschlechtsverkehr haben wird, bei dem sie entdeckt, dass er einen kleinen penis hat und diese tatsache durch sein intellektuelles auftreten mit einem buch unter dem arm, dass er nie gelesen hat, zu kompensieren versucht, beschäftigt mich aber die frage, was für botschaften sie den zuschauern mit ihrer werbung eigentlich vermitteln wollen?

...dass es toll ist, eingeklemmt zwischen hygieneartikelsammelbehältern und dünnen plastikwänden, hinter denen andere menschen geräuschvoll ihr geschäft erledigen und im besten falle olfaktorisch doch keine belästigung sind, weil sie sich ebenfalls auf der suche nach herrn kroski befinden, mit seinem handy im internet zu surfen?

meine damen und herren, meine toilette ist mir ein heiliger ort, ein ort der besinnung, der einkehr und des aktiven loslassens. dieser prozess wird höchstens dadurch unterstützt, dass ich mir ab und an ein wenig lektüre im "spiegel" gönne. ich will nicht auf meinem klo sitzen und besonders kool sein, weil ich jetzt wirklich überall mit dem world wide web verbunden sein kann. dasselbe gilt für öffentliche toiletten, so ein restaurantklo ist kein gemütlicher ort.

aber wenden wir uns anna zu, der es in erster linie sicherlich nicht darum ging, entspannt auf dem stillen örtchen zu surfen. die arme litt unter panischem zugzwang. das gespräch mit ihrem date steve entwickelte sich zu einer schleppenden angelegenheit. hilflose stille lauerte schon hinter der nächsten ecke, die demonstrieren würde, dass schweigen nicht immer gold ist, sondern eine unangenehme angelegenheit werden kann, bei der beide parteien verlegen auf ihren hinterteilen rumrutschen, sich verkrampft anlächeln, sich räuspern, haare um den finger wickeln oder aus dem gesicht streichen, ihre füsse betrachten, als ob sie gerade erst gewachsen sind, zigaretten angezündet werden und in halbleeren drinks gerührt wird.

aber musste anna wirklich auf toilette rennen, um herauszubekommen, was man über einen autor sagen kann, von dem man noch nie etwas gehört hat?
hätte anna nicht genauso gut steve direkt fragen können, damit das gespräch wieder in gang kommt?

anna tut mir wirklich leid, sie hat augenscheinlich ein selbstwertgefühl, dass irgendwo auf dem fussboden im dreck liegt, keinen mut zur lücke und muss beweisen, dass sie alles weiss und alles kann und das nur, um steve zu gefallen. bekommt man heutzutage nur noch einen partner, wenn man bei allem mitreden kann oder zumindest technisch so versiert ist, dass man für sein gefährliches halbwissen t-mobile geld in den rachen schmeisst, damit man so tut als ob?
und was wäre gewesen, wenn steve begeisterter fussball-fan gewesen wäre? hätte anna dann auf dem klo über ebay stollenschuhe in grösse 38 ersteigert und nebenbei alle spielbegegnungen und die torstatistiken der letzten WM auswendig gelernt?
steve hätte auch cello spielen können wie ein junger gott, dann hätte anna vermutlich einen anfängerkurs gegoogelt, damit sie in zukunft immer die zweite geige spielen kann.

wir sollen also googeln, um assimilation zu betreiben, um leere worthülsen mit wissen zu füllen, dass wir uns gar nicht aus erfahrung oder echtem interesse angeeignet haben? wir sollen dafür bezahlen, dass wir nicht mehr wir selbst sein dürfen, sondern eine fassade erschaffen, damit wir gemocht werden?

ich will aber ich selbst sein dürfen, mit all meinen stärken und schwächen, macken und fehlern, mit meinem lauten lachen, der manchmal etwas naiven ader, mit meinem wissen und meinem unwissen, ich will mehr sein als eine hülle, hinter der sich nichts verbirgt ausser einem tollen handy mit den richtigen funktionen.

in diesem sinne wünsche ich ihnen einen schönen tag, den man sich nicht ergoogeln, sondern nur selbst erleben kann.

ihre tess/ zuggermuddi

Freitag, 5. August 2005

von a nach b

bahn


drown in frustration
grau
die wolken
der himmel
die gesichter um mich herum
selbst die s-bahn-sitze
eigentlich plastik-rot, wirken wie von einem grauschleier überzogen
monotones s-bahngeratter vermengt mit den üblichen begleitgeräuschen
das rascheln einer zeitung
ein heiseres räuspern
aber kein lachen
morgens um sieben uhr dreissig fühlt sich vermutlich alles grau an
die menschen um mich herum versunken
in ihrer eigenen frustration
gesichter nur masken
mein kugelschreiber grün
die farbe der hoffnung
die rettung, dass mich dieses grau nicht erstickt
mein kopfkino
versunken darin
die flucht aus der wirklichkeit
"ich gehe in ein anderes blau".




ein weiterer tag
in der folge endloser tage
kurz vor irgendeiner station
der zug ruckelt
hält
eine stimme aus dem lautsprecher:
"sehr geehrte fahrgäste, wir bitten um ihr verständnis
ein baumstamm versperrt die schienen und muss zuerst von der feuerwehr geräumt werden
die weiterfahrt verzögert sich vermutlich um ca. 15 minuten
bitte haben sie geduld"
aufgeregtes gemurmel
unzufriedenheit macht sich breit
man kann die anspannung der mitfahrer fast körperlich spüren
keine zeit, keine zeit
keine geduld
keine spannung
nur anspannung
wir müssen weiter, immer weiter
ich grinse
das bringt alle bestimmt voll auf die palme
die palme
ich schliesse die augen
sehe sie förmlich vor mir
die palme
wie sie quer über den schienen liegt
und direkt neben den gleisen
strand
reggae-klänge, die der wind herüberweht
eiswürfel, die in coktailgläsern schmelzen
am liebsten würde ich die notverriegelung öffnen
und aussteigen
die schuhe und die strümpfe gleich auf dem sitz zurücklassen
aber auch ich muss weiter
immer weiter.



da ist dieses mädchen
jeden morgen steigt sie zwei stationen nach mir ein
immer trägt sie eine sonnenbrille
jeden tag
egal ob sonnenschein oder regen
vermutlich würde selbst ein schneesturm sie nicht davon abhalten
ihre brille abzusetzen
heute habe ich sie das erste mal unverblümt angestarrt
gleich nachdem sie eingestiegen ist
sie lächelte
ich zog die augenbrauen hoch
tippte auf meine augen
sie lächelte wieder
nickte
und nahm die brille ab
für 3 sekunden
bevor sie ihr gesicht wieder in ein undurchdringliches geheimnis verwandelte
ihre augen sind blau.




die türen öffnen sich zischend
leute steigen aus
andere ein
ich döse, bin im halbschlaf
öffne die augen
als das plastikpolster
auf dem ich sitze quietscht
weil sich jemand neben mich setzt
ich traue meinen augen kaum
es ist der osterhase
schnaufend setzt er einen grossen korb ab
in dem sich lauter schokoweihnachtsmänner befinden
meine fragenden blicke animieren ihn zu einem monolog:
"ja, mann, jedes jahr dasselbe spiel, ostern längst vorbei
alle kids abgefüttert mit unmengen an kalorien
karies lässt grüssen
adipositas vorprogrammiert
und trotzdem same procedure as every year, alder
die schokoladen-industrie checkt es einfach nicht
überproduktion
eier, die keiner haben will und die auch bei 50% rabbat zum echten ladenhüter werden
verzweifelte marktleiter, die mir das zeug einfach vor die tür schütten
da hab' ich mir doch glatt diese weihnachtsmann-schoko-presse organisiert
aus dem katalog
ein echtes schnäppchen, das kann ich dir flüstern
eine heidenarbeit
aber besser als das zeug verkommen zu lassen
bis oktober habe ich den kram meist verkauft und die abteilung "nordpol"
übernimmt das geschäft."
eine monotone stimme kündigt die nächste station an
der osterhase winkt mir nocheinmal mit beiden hasenohren
und hoppelt davon
aus der tür heraus
und verschwindet in der menge.




"wenn ich gross bin, werde ich feuerwehrmann, dann fahre ich das rote feurwehrauto
mit viel tatütata und düse um alle ecken."
"wenn ICH gross bin werde ich astronaut und fliege zum mars
da sage ich dann den marsmännchen guten tag und aufwiedersehen
und flieg' dann in meiner rakete wieder nach hause"
"aber ich werde polizist, wenn ich gross bin, dann fange ich alle verbrecher
und sperre sie bei mama und papa im keller ein"

kinderstimmen dringen in meine kleine welt
beim letzten halt der s-bahn
ist eine kindergartengruppe eingestiegen
die kleinen menschen wuseln durch die gänge
klettern sitze rauf und wieder herunter
bohren in der nase
planen mit kindlichem eifer ihre zukunft

mit sechs jahren stehen einem noch alle türen offen
das leben ist eine grossartige sache, die es zu entdecken gilt
jeder tag hält neue überraschungen bereit
hinter jeder ecke warten neue abenteuer

ich weiss noch genau
wie mein onkel mir zum sechsten geburtstag die carrera-bahn schenkte
stundenlang fuhren wir wettrennen
und immer liess er mich gewinnen
ich fühlte mich grossartig
ich war der schnellste
ich hörte die zuschauer jubeln
stand auf imaginären siegertreppchen
und liess mir loorbeerkränze um den hals hängen
ich war kool, mann!
und eines war absolut klar:
wenn ich gross wäre, wollte ich rennfahrer werden.
damals lag die zukunft noch vor mir und wollte gelebt werden
heute ist sie vergangenheit
und ich bin auf dem weg
ich bin kein rennfahrer geworden
aber immernoch höre ich die jubelschreie
das röhren der motoren
wenn ich die augen schliesse.




ein kleiner sossenfleck
lächelt mich an
rechts oberhalb meines linken kniees
auf der jeans
die achtlos in die ecke geworfen wurde
als die nacht und die bettdecke
sich über uns legte
und die dunkelheit uns verschlang
ich mich in ihr verlor

für einen moment verschwimmen die menschen um mich herum
ich sitze nicht mehr hier in der bahn
plastik wird zu holz
grelle morgensonne zu kerzenschein
der unsere gesichter in sanftes licht hüllt
ihr mund
der unentwegt lächelte
während sie ihr quiche lorraine in kleine stücke zerteilte
worte, die an bedeutung verloren
weil die blicke für sich sprachen
meine hände, die zitterten
nicht mehr kool sein
nicht mehr gefasst
und dann die gabel
die mir aus der hand glitt
und diese erinnerung hinterliess.




"je ne peux pas vivre sans ma radio
mon transistor j'adore" (stereo total)

jeden morgen das gleiche spiel
der kampf
um ein paar minuten
die schneller als sekunden zerfliessen
mein radio und ich
eine hass-liebe
ich kann nicht mit
ich kann nicht ohne
leben
schlafen
wie oft musste es unter meinen schlägen leiden
um dann am nächsten morgen
stoisch und mit unbeugsamer treue
wieder um 6.30 uhr seine melodien erklingen zu lassen
ich bettele, verhandele
noch fünf minuten
bitte
eine gnadenfrist
und bekomme sie jedesmal
bin fast versöhnt
träge
warm
zurück
im traum
bis es unerbittlich erneut
sein grausames tagewerk verrichtet

in den leisen abendstunden
betrachte ich es zärtlich
es wiegt mich in den schlaf
unterhält mich
wenn die langeweile mich zu ersticken droht
ist für mich da
mein freund.




und wir kaufen, kaufen und kaufen
im vorbeigehen
das brötchen beim bäcker (ich war zu faul mir ein brot zu schmieren)
die cola am kiosk (wasser hätte es auch getan)
die zeitung (gefüllt mit nichtssagenden schlagzeilen und halbwahrheiten)
kaufen
mitnehmen
im laufschritt
die fahrkarte am automaten (die monatskarte grinst vergessen und verächtlich auf dem küchentisch)
kaufen
zigaretten (ich wollte gestern aufhören, nein, morgen, mal sehen)
kleingeld
scheine
kaufen
nur schnell
das geld kommt aus der wand
in mein portmonaie
nur ein kurzer zwischenhalt
auf dem weg aus meiner hand
in andere hände
automatenschlitze
die gefüttert werden wollen
hungrig nach mehr
ich habe mehr
und dann wenig
ich brauche die notbremse
die rationalität
die mich bewahrt
vor dem, was ich nicht brauche
brauche sicherheit
wo ist der automat
auf dem steht
"wir schützen sie vor sich selbst"?




sie sagte
bring' mich irgendwo hin
irgendwo
somewhere nice
eine insel
auf der wir beide
wir sein können
ohne prüfende blicke
ob wir passend sind
so sind wie wir sein sollten
sondern so sind
wie wir sein wollen
ok, sage ich
home is where our hearts are
zuhause
noch drei stationen
ihre warme hand in meiner
steigen wir aus
rennen durch den regen
der alles abwäscht
den schmutz des tages
die sorgen
verschoben auf morgen oder übermorgen
tür zu
stille
die nur uns gehört.




wanted dead or alive
sie hat mich verlassen
ist nicht mit eingestiegen
als die s-bahntüren sich öffneten
und ich meinen stammplatz
hinten links seufzend erreichte
wie schon so oft
ist einfach gegangen, wenn ich sie am nötigsten brauchte
ist zum greifen nah
um sich dann heimlich aus dem staub zu machen
wenn ich mich an sie klammere
lässt sie los
wenn ich keinen gedanken an sie verschwende
steht sie vor mir
fragt nicht, ob es gerade passt
ob ich zeit für sie habe
ob die gelegenheit günstig ist
manchmal überrennt sie mich
erschlägt mich mit ihren wirren konstrukten
und dann wieder liebe ich sie
wir umarmen uns
sie gibt mir kraft
und bringt den tag zum leuchten
meine inspiration
phantasie ist energie
zurückgekehrt
keine reue
hocherhobenen hauptes
energie
meine inspiration.




ich sitze im falschen zug
falsche linie
die falschen stationen
nur einmal nicht aufgepasst
und wieder einmal zuviel in meinen träumen verloren
habe keine ahnung, wo ich bin
und wie ich jetzt am schnellsten zurückkomme
jetzt bräuchte ich eines dieser wunderschönen mädchen
die an jeder strassenecke stehen
flyer verteilen
neue zigarettenmarken anbieten
getränke zum probieren eingiessen
überzeugende argumente für dies und das und auch jenes liefern
hilfreiche hände
wissende augen
empathische ohren
blaue uniformen sollten sie anhaben
mich an die hand nehmen
einen fahrplan in der eigenen hand halten
das agenturlogo auf die linke brusttasche gestickt
das absolution gewährt
wenn das eigene handeln
in diesem blauengrünengelbenrotenlila-liniengewirr
verloren gegangen ist.




live at the s-bahn
jeden mittwoch rockt der kerl den waggon
seine gitarre heisst erwin
er stellt sie den desinteressierten gesichtern
geduldig
und immer wieder
persönlich vor
"sie können erwin ruhig mal streicheln
er beisst nicht
der will nur spielen
und ich auch"
dann singt er von ländern
die er in seinen träumen bereist
und unter seiner brücke
wohl nie zu sehen bekommt
die schiffe, die aus dem hafen fahren
die schwalben, die gen süden ziehen
und er wäre gerne wie sie
meist reicht seine reise nur
von einer station zur nächsten
bevor er hastig ein paar cents
in seinen gitarrenkoffer stopft
gespendet von menschen
deren ohren noch nicht zu stein geworden sind
die eine schwalbe im herzen haben
wirft einen blick auf die kontrolleure
und setzt seine tour
in einer anderen u-bahn-linie fort
live
ohne netz und doppelten boden.




"bin weder fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach hause gehen."(faust/ j.w. goethe)

ein schöner morgen
der sich über mir
über den u-bahn-tunneln
in einen noch schöneren tag verwandelt
der morgen hat es verdammt gut
eine wolke vor der sonne
macht noch lange keinen bad-hair-day aus ihm
bin ich schön?
jeden morgen spiele ich
dieses sinnlose frage-spiel
in der hoffnung
das nur ein mensch
nur ein einziger
in der grauen masse des einerleis aus mitfahrern
meine frage erahnen kann
mich anschaut
und mir durch blicke gewissheit verschafft
abgekauter daumennagel
der blöde kleine pickel
rechts neben meiner nase
die ich schon immer unbedeutend fand
das shirt
noch im halbschlaf im dunkel meiner wohnung
wahllos aus dem schrank gegriffen
ungebügelt
schönen guten morgen
du schöner tag
da hast du aber was schönes angerichtet
schön blöd
wer schön sein will, muss leiden?
in der schönen neue welt
bitteschön
dankeschön
wunderschön
bin ich schön?




"wir sind angekommen
und alles andere ist egal" (virginia jetzt!)

ich kann jederzeit aussteigen
das ist ein guter gedanke
aussteigen
ich bin auf meinem weg
alle menschen um ich herum sind auf ihrem ureigenen weg
steigen ein
steigen wieder aus
haben ihre ganz persönliche endstation
der weg ist das ziel
aber auch das ende eines weges ist ziel
stillstand ist tod
aber ankommen ist überlebensnotwendig
damit man weitergehen kann
sind angekommen
noch fünf minuten
meine hände kribbeln
mein körper hat sich in gedanken schon erhoben
den roten knopf gedrückt
der die türen öffnet
noch einmal tief durchatmen
ich bin da
das hier ist die endstation
und ein neuanfang
hier
bin
ich.



diese texte enstanden als arbeit für einen guten freund, der seine bewerbung als mediengestalter in form eines tagebuches präsentieren wollte. als grundlage dienten seine entwürfe für logos und webseiten

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