Dienstag, 24. Oktober 2006

jenseits der kaff-elegien/ fragment aus beton

sie wohnen dicht an dicht, aber spenden sich keine wärme, getrennt durch graue mauern.
keiner weiss, wer neben ihm wohnt, man trifft sich täglich auf dem flur, senkt den blick und starrt woanders hin.
graue blicke.

die wände sind dünn.

das namenlose atmet, schlägt die zeit tot, bringt die tage herum, klappert mit dem geschirr, hustet aufgrund der 20. zigarette an diesem morgen, ist fast greifbar.
sie alle wissen dinge voneinander, die kein mensch hören will, aber hören muss.

wände wie papier.

das leise weinen der frau, die immer eine sonnenbrille trägt, selbst wenn der himmel grau und wolkenverhangen ist, mit der man die geschwollene wange nicht abdecken kann. das junge ehepaar von unten, die erst leise und nach der dritten flasche wein immer lauter streiten, schreien, sich beschimpfen. zerbrochenes glas und zerbrochenes glück.
der unmenschlich laute ton des fernsehers, der die vier kleinen kinder aus dem fünften stock mit mord und totschlag unterhält, sobald sie aus der schule heimkehren und der ihre einsamkeit, die langeweile und den frust bis in die späten abenstunden übertönt, wenn die mutter müde und zerschlagen mit ein paar fettigen tüten abendbrot von ihrem job am bahnhofsimbiss nach hause kehrt.
der alte mann, der seemanslieder gröhlt und sein fernweh mit einer palette dosenbier und korn kompensiert und eingerollt auf der fussmatte vor seiner haustür einschläft, wo ihn ab und an die jugendlichen treten. höhnische blicke.

jeder neue morgen zerstört die sehnsucht, die träume der nacht mit dem lauten klappern der mülltonnen, in denen die frau mit dem kopftuch nach pfandflaschen wühlt.

der fahrstuhl ist defekt oder stinkt nach urin, manchmal hat jemand reingekotzt, dann geht man doch lieber zufuss.

das einzige grün in der gegend sind die rotzigen auswürfe auf dem asphalt und ein paar grashalme, die zwischen den gehwegplatten überlebt haben.

manche hatten träume, wollten fliegen.
haben es irgendwann getan,
aus dem zehnten stock.

jetzt kann man die fenster in den letzten vier stockwerken nicht mehr öffnen.









der vorherige und dieser beitrag wurden im rahmen eines blog-swaps schon einmal vor ca. einem jahr im dreggsblog veröffentlicht. nun archiviere ich sie nochmal hier als heimspiel

kaff-elegien/ fragment

...der rasen im vorgarten hat eine länge von vier millimetern, die kanten haben einen rechten winkel, kinder hat man gern, solange sie nicht das heilige grün betreten. das ist reserviert für die zwergenparade, die stoisch in einem grotesken bild der emsigen, unermüdlichen arbeit eingefroren ist. für das kleine hundehäufchen vom kleinen dackel franzl liegt immer ein kleines tütchen bereit.

fremden wird mit misstrauen begegnet, denn nichts soll die gleichmässigkeit, die eintönigkeit, den alltag, die immer wiederkehrenden jahreszeiten und die damit verbundenen riten und gebräuche stören. fremdsein bedeutet einsamkeit und kalte blicke, bis man gelernt hat, die tänze zu tanzen. zwei schritte vor und fünf zurück.

der kommunalpolitische höhepunkt des jahres findet im ehelichen bürgermeister-bett statt, wenn die gemahlin schweissgebadet und zähnefletschend oben liegt, anstatt wie ein plattgefahrener käfer auf dem rücken zu liegen und die muster der blümchentapete zu zählen, während das bett, bemalt im klassischen bauernmuster, ächzt und quietscht unter der adipösen last. denn auf dem wahlzettel existiert nur ein richtiges kreuz, alle anderen hängen in den klassenzimmern, in wohnzimmern und in der kirche.

jugendliche rebellion bedeutet hier in nachbars garten zu kotzen, nachdem man mit 2,0 promille, dank korn mit sprite, rum mit cola, hauptsache irgendeinem fusel mit blubber darin, aus der dorfdisco rausgetorkelt ist, in der jeder schon mit jedem geknutscht hat und der- oder diejenige geheiratet wird, der grad zufällig mit einem knutschte, als man den 21. geburtstag erreichte und es langsam zeit wurde.
die männer lieben ihre ehefrauen, das gibt ihnen das recht, ihnen notfalls mit der flachen hand oder der geballten faust den richtigen weg zu weisen.

die friseurin weiss von der bäckersfrau, dass der schlachtermeister dem mechaniker erzählt hat, dass die frau meier von nebenan von frau müller erfahren hat, dass der dorfarzt der cousine vom guschtl, der im kleinwarenladen arbeitet, gesagt hat, dass die resi, die in der gastwirtschaft bedient schon immer was vom huber-bauern wollte. na, sie wissen schon...und deswegen immer diese engen blusen anzieht, wenn sonntags stammtisch ist und der huber-bauer eine rote nase bekommt, weil er sein fünftes maß erhebt.
sie wissen alles und doch nichts.
sie reden, um zu reden.

sonntags mahnen die glocken zum gebet, wer in den reihen fehlt, ist krank oder zu gebrechlich, um buße zu tun und die heilige kommunion zu empfangen, eine andere entschuldigung existiert nicht.
wenn ER seine schäfchen ruft, trotten sie blökend der reihe nach in SEIN haus, um sich die kniee an den splittern in der bank wundzuscheuern.
die heftchen des priesters mit nackten, jungen damen aus litauen oder polen bleiben an diesem tag in der schublade im pfarrhaus, anstattdessen wird die bibel ausgepackt. sie beten und weilen in gedanken schon beim sonntagsbraten, der bald auf dem tisch steht.
heilig ist die scheinheiligkeit.
...

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