Freitag, 12. Oktober 2007

geschichten aus pädagogien

oh du goldene herbstzeit, vielbesungen, farbenpracht, blätterregen, kastanien, eicheln, kartoffelfeuer, erntezeit. rauhreif, der funkelnd im sonnenlicht in zarte tautropfen verzaubert wird, ein letztes aufbäumen des sommers, bevor sich die natur bereit macht für den winterschlaf.

ein ewiger reigen aus leben und sterben und wir kolleginnen aus pädagogien mittendrin. zweimal im jahr verlassen wir den luxus unserer fußbodenheizungverwöhnten kindertagesstätte und wandern für eine woche in den wald, komme, was da wolle, ob regen, sturm, frost oder zeckenplage.

und jedes jahr wieder überlege ich, ob ich nicht genau zu dieser zeit von einer schrecklichen krankheit heimgesucht werde, die genau fünf werktage andauert, um dann am darauffolgenden wochenende auf wundersame art und weise zu verschwinden. ich bin kein stubenhocker, ich bin wirklich gerne an der frischen luft, ich mag wälder und elbstrände, das meer, berge und mutter natur, wirklich! einzige voraussetzung ist die möglichkeit bei unabwägbaren widrigkeiten, die chance zu haben, in die eigenen vier wände zurückzuflüchten.

im sommer zelte ich sogar gerne, lebe in nachbarschaft mit gefräßigen waschbären, die das vorzelt nach essbaren durchwühlen, teile mein frühstück mit ameisen, schmeisse mich kreischend in eiskalte badeseen....kein problem, weiss ich doch, dass jeder campingplatz mit fliessend wasser, duschen, toiletten und einer imbißbude ausgestattet ist, an der ich meine sehnsucht nach zivilisation mit fritten und bier kompensieren kann.

und natürlich scheint im sommer die sonne, was einem mindestdurchschnittstemperaturen von 23°C garantiert und wenn nicht, auch kein drama, isomatten kann man notfalls im heimischen wohnzimmer ausrollen. das kann unter umständen ebenfalls sehr abenteuerlich sein, vorallem wenn man jemanden neben sich liegen hat, der schnacht wie räuber hotzenplotz nach einem saufgelage. hat ja irgendwie auch mit wald zu tun, wenn auch eher mit dem akustischen abholzen von bäumen, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

kehren wir zurück zu unserem halbjährlichen event, welches uns nun zur herbstzeit in die tiefen des waldes zwang. schon am vergangenen wochenende kündigte der wetterbericht nachttemperaturen von 5°C an, was konsequenterweise heisst, dass es morgens um acht uhr nicht viel wärmer sein kann, wenn man sich durchs dickicht auf unsere traditionelle lichtung kämpft.
die ansonsten eher freudig-erregt-geprägte, typisch weibliche was-ziehe-ich-an-frage bekam einen bitteren beigeschmack, weil sie zwangsläufig mit dem "zwiebellook" assoziiert wurde. es ist mir schon fast peinlich an dieser stelle aufzuzählen, was ich mir alles anziehen musste, um nicht elendlich in den weiten der natur zu erfrieren: unter der jeans kämpften eine nylonstrumpfhose und eine dicke wollstrumpfhose um beinfreiheit, darüber wurden wollssocken gezogen, ein lammswollender nierenwärmer, das ganze gekrönt von einem paar gefütterter winterstiefel. ein unterhemd schmiegte sich bibbernd an ein langärmeliges oberteil, welches von einem strickpulli bedeckt wurde. darüber türmten sich in seliger zweisamkeit eine fleece- und eine regenjacke. mütze, schal und omas selbstgehäkelten fäustlinge komplettierten die überlebensausrüstung.

...dass ich in dieser aufmachung kaum in mein auto einsteigen konnte, geschweige denn in der lage war, vernünftig zu fahren, erkannte ich erst, als ich eingequetscht wie ein michelinmännchen hinter dem steuer sass und nur mit mühe und not meine vier gliedmaßen betätigen konnte, um an lenkrad und pedale zu gelangen. auch erntete ich irritierte bis mitleidige blicke von meinen nachbarn, die sich gehüllt in schicke herbstmode auf dem weg zur arbeit befanden, in der gewissheit nur eine kurze strecke mit ihrem gefährt zurücklegen zu müssen, bis ein warmer kaffee auf dem schreibtisch und ein beheiztes büro auf sie wartete.

eine viertelstunde später gelangte ich schweißgebadet aufgrund von wärmeanstauungen auf engstem raum und motorischer unzulänglichkeit und der daraus resultierenden panik, einen verkehrsunfall zu verursachen, bei dem ich mich noch nicht mal alleine aus dem auto retten könnte, auf den beschaulichen waldweg, der die grenze zwischen wildnis und zivilisation repräsentierte. ich liess mich wie eine dicke made aus dem fahrersitz kippen, als mir die unerbittliche kälte schon ins gesicht schlug.

bewaffnet mit einem rucksack vollgepackt mit einer liter-thermoskanne gefüllt mit kochend heissem tee, einer regenhose (die wirklich allerletzte maßnahme, um mit roher gewalt noch mehr kleidung über den schon vorhandenen kleiderberg zu zerren, falls ein eisiger regen das herbstwetter noch mehr verunstalten sollte) und diversen plastikhandwärmern stolperte ich wild mit den armen rudernd zum treffpunkt, wo schon einige eltern mit ihren kindern warteten und vermutlich nur raten konnten, welche der sechs tapferen erzieherinnen sich unter der wahnsinnigen verkleidung verbarg.

die gruppe der kleinen monster wurde in meine obhut übergeben und nun mussten wir einen fußmarsch durch unwegsames gelände hinter uns bringen, um zu besagter lichtung zu gelangen. neben dem kleiderberg und dem rucksack hielt ich zusätzlich zwei der kleineren kinder fest, damit sie nicht wie hänsel und gretel in der unendlichkeiten des herbstlichen waldes verschwinden konnten. wir stapften los und schon nach einer kurzen zeitspanne musste ich ungewollte erfahrungen damit sammeln, was für grausame konsequenzen der liebliche begriff "altweibersommer" mit sich bringt. vollkommen unvorbereitet und ahnungslos rannte ich mitten in ein riesiges spinnennetz, um genau zu sein ein kreuzspinnennetz, samt derem fetten mitbewohner, der stoisch auf eine kleine mücke oder fliege wartete und nun mit einem frühstück der überdimensionierten art überrascht wurde.
ich kreischte schlimmer als die frau unter der dusche bei "psycho" und war einem ohnmachtsanfall schrecklich nah. ich fuchtelte mit den armen herum, schlug wild um mich, um die klebrige masse samt des achtbeinigen korpus aus meinem gesicht zu entfernen, während viele kinderaugenpaare mich ungläubig beobachteten.

erste erkenntnis: der wald ist die hölle und der teufel steckt im detail in form von arachnoiden monstern, die mich fressen wollen!

endlich am bestimmungsort angelangt, hatte ich mich noch nicht ganz von meinem ersten waldtrauma erholt und überlegte, ob ich mir meinen rucksack einfach über den kopf ziehen sollte, als vorbeugende maßnahme gegen eine anhaltende hyperventilation und um nichts mehr von der herbstlichen natur um mich herum sehen zu müssen.

die kinder fingen an zu spielen, sammelten tannenzapfen, stöckchen, buddelten im waldboden, bauten tipis und ich? ich begann zu frieren, ein schleichender prozeß, erst kaum warnehmbar, an den füssen beginnend, dann immer offensichtlicher mit gänsehaut auf den beinen, am rücken und dann mit zaghaft klappernden zähnen.
aussentemperatur: 8°C,
gefühlte temperatur: allerhöchstens minus 25 °C.
ich zitterte und klapperte, jammerte und hopste auf der stelle, schlackerte mit den armen, wackelte mit den zehen...ohne großen erfolg. ich drohte am waldboden festzufrieren, ich würde elendlich als eisstatue auf einer lichtung enden.

es war allerhöchste zeit für eine professionelle innenaufwärmung mit dem inhalt meiner thermoskanne, ein höchste gefährliches unterfangen, bei dem man den input genauestens berechnen musste, um nicht in den teufelskreis des grauens zu gelangen.

nun stellt sich vielleicht die frage, was so kompliziert daran sein soll, sich eine kanne tee hinter die binde zu giessen?
rein in die tasse, einzweimal pusten, kopf in den nacken und fertig ist die laube...ha! man darf eine tatsache nicht unterschätzen! ich befand mich zu diesem zeitpunkt in einem unwegsamen wald. EINEM WALD.
klingelt es? und was ist in einem wald definitiv nicht vorhanden?
eine toilette, genau!
nur ein milliliter zu viel tee im magen konnte dazu führen, dass das empfindliche gleichgewicht zwischen input und output sich zugunsten des outputs verlagerte und die blasenmuskulatur alarm schlug.
es existieren wenige momente, in denen ich mir wünschte, ein kerl zu sein, die im-wald-kein-klo-situation ist einer dieser seltenen anwandlungen. die konsequenzen eines übermäßigen teegenusses führen bei uns meeedchen in der regel zu einem unwürdigen unterfangen, bei dem wir hilflos mit klamotten um unsere schienbeine gewickelt auf dem waldboden hocken und hoffen, dass während unserer verrichtungen keine insekten über unseren allerwertesten krabbeln und wir uns nicht aufgrund unserer immobilität auf die schuhe pinkeln.

doch das alleine wäre noch harmlos, wenn da nicht der teufelskreis des grauens wäre, der in einer endlosen spirale mündet, sobald man das erste mal hinter den büschen verschwindet, um sich zu erleichern. in meinem fall spielte nicht nur der faktor "wald" eine große rolle, nein, dieser wurde von einem zweiten faktor maßgeblich beeinflusst und dieser lautete "kälte", unerbittliche, grausame, stechende kälte.

fortuna hatte mich im stich gelassen, meine schätzungen der teezufuhr blieben unzulänglich und während ich nun kurzzeitig innerlich aufgewärmt die beine zusammenkniff, kicherte fortuna hämisch vor sich hin, während sie kuschelig in einer wolldecke eingehüllt vorm ofen sass und bratäpfel futterte.

zweite erkenntnis: fortuna lässt sich nicht so leicht hinterm ofen hervorlocken.

ich verschwand fluchend im gestrüpp und eröffnete so neben dem natürliche reigen der jahreszeiten, einen weiteren reigen: den teufelskreis des grauens.
ich spare mir an dieser stelle die erneute aufzählung aller kleidungsstücke, die mich umhüllten, die nun im weg waren und mehr oder minder entfernt werden mussten, um erneut auf den zweiten faktor hinzuweisen, der aus dieser unseligen geschichte einen teufelskreis machte: kälte, unerbittliche, grausame, stechende kälte (ja, ich weiss, dies erwähnte ich schon, aber ich versuche hier nur klarzumachen, wie hochdramatisch die ereignisse sich zuspitzten).
gerade aufgetaut und wohlig durchwärmt, fror ich mir nun den wortwörtlichen arsch ab, als strafe dafür, zu tief in den teebecher geblickt zu haben.
erleichtert, aber bitterlich frierend, war ich nun wieder auf die thermoskanne angewiesen, deren inhalt mich wiederum zwang in den büschen zu verschwinden, aus denen ich zitternd zurückkehrte, um erneut heissen tee zu trinken, dessen konsum dazu führte, dass ich wieder in das dickicht stapfte...und so weiter und so fort...

dritte erkenntnis: das mathematische verhältnis von input in bezug auf output gemessen an der anzahl der zwiebelschichten im verhältnis zum faktor "kälte" und "wald" zugunsten der anzahl der zwiebelschichten verlagern, um input zu verringern und die gefahr des outputs auszuschliessen.

auf diese art und weise kann man hervorragend einen vierstündigen vormittag herumbekommen, ich verfiel fast in einen tranceartigen zustand zwischen frieren, aufwärmen, einfüllen, herauslassen....unterbrochen wurde dieser kreis nur kurz, als ich entdeckte, dass ich einer armen nacktschnecke auf den kopf gepinkelt hatte, dies war quasi der spannende höhepunkt meines tages.
die kolleginnen mutmaßten, ob schnecken auf diese art und weise osmotischen prozessen ausgeliefert wären. ich wusste es nicht, wollte nur noch nach hause, wo ich niemandem auf den kopf mache und mir auch keinen kopf um solche fragen machen muss.

um die mittagszeit stolperte ich dann zum auto und schwor, dass ich nächsten herbst eine grippe habe oder noch besser;

letzte erkenntnis: eine blasenentzündung!

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