vor langer zeit, keine menschenseele erinnert sich an diese tage, lebten die vögel wohlbehütet in einer grossen felsspalte etliche meter über dem meeresspiegel. von der sonne geweckt, vom mondenlicht in den schlaf gebracht, verstrich ein tag wie der andere in eintönigkeit und gleichmäßigkeit. die felsspalte war weitläufig und bot genug platz, um die brut grosszuziehen, nahrung und wasser waren vorhanden und die vögel waren zufrieden mit ihrem los, in den tag hineinzuleben.
zu jener zeit war den vögeln nicht bekannt, dass sie die gabe besitzen, zu fliegen. sie benutzten lediglich ihre zwei beine, um nahrung für die brut heranzuschaffen und ihresgleichen in anderen ecken der felsspalte zu besuchen. ihr gefieder war weich, glänzend, mal mehr, mal weniger bunt. sie pflegten es mit hingabe, weil es ihnen wärme und schutz in manch kalter winternacht brachte.
zu dieser zeit lebte eine vogelfrau mit rotem gefieder und lustigen punkten, die mutiger war als alle anderen vögel. dieser vogel hatte irgendwann zwei eier gelegt, aus denen farbenfrohe, bunte vogelmädchen heranwuchsen. nicht immer war es üblich, dass eine vogelmutter den passenden partner hatte und wenngleich die meisten vogeleltern als paare ihre brut heranzogen, war es nicht ungewöhnlich, wenn es mitstreiter unter ihnen gab, die ihre kinder alleine heranzogen. die vogelgemeinschaft war sogar gewillt, die fittiche zu spreizen und ab und an fremde vogelkinder unter diese zu nehmen, wenn die vogelmütter sich auf die suche nach futter für ihre brut begaben.
die rotgefiederte vogelmutter gelangte irgendwann an einem freundlichen, sonnigen frühlingstag auf ihrer suche nach nahrung an den äussersten rand der felsspalte, wo ein ziemlich kecker wurm auf der flucht vor ihrem spitzen schnabel hingekrochen war und auf einmal stellte die vogelfrau fest, dass hier das ende des felspalteaus erreicht war. sie kniff ungläubig die augen zusammen, denn unter ihr lag das meer... weit... gross...in tausenden und abertausenden von blautönen...unendlich....es glitzerte geheimnisvoll...rauschte und wisperte und sprach zu ihrem herzen. es erzählte von fernen ländern, an deren ufern seine wellen rollten...beschrieb flüsse, die in seine unendlichkeit mündeten...sang von wäldern und tälern, die das wasser aufnahmen, welches das meer der sonne schenkte.
eine unerklärliche sehnsucht machte sich in dem herzen der vogelfrau breit und wie von selbst streckte sie ihre flügel aus, in die der wind zärtlich hineinfuhr, als ob er ihr einen kleinen anstoss geben wollte. für einen kurzen augenblick verlor sie den boden unter den füssen, erlangte sie eine leichtigkeit, die mit nichts zu vergleichen war, was sie bis dahin gespürt hatte...wie gerne hätte sie sich einfach fallen lassen, als auf einmal ein empörter aufschrei sie zurück auf den felsigen boden der tatsachen zurückholte.
hinter der vogelfrau hatten sich mehrere andere vogelmütter versammelt, die entsetzt auf die ausgebreiteten flügel starrten, die sich leise wieder an den pulsierenden körper der vogelfrau anschmiegten.
mahnende blicke ruhten auf ihr, ein leises kopfschütteln demonstrierte ihr, dass eine felsspalte, nahrung und wasser, weggefährten und ein gemachtes nest genug seien. sie solle an ihrer vogelkinder denken und daran, dass man tief fallen könne, wenn man sich zu nahe an den rand des felsplateaus wagen würde...federn seien zum putzen da, federn seien ein garant für wärme und vielleicht ein attraktiver schmuck auf der suche nach dem nächsten vogelmann und damit solle sie sich zufrieden geben. alles andere wären träumereien, ein gefährliches unterfangen, sinnlos, unverantwortlich und mit einer ungewissheit verbunden, die nichts als unglück bringen würde.
die tage verstrichen und die vogelfrau fügte sich ihrem vermeintlichen schicksal, ihr restliches leben in der eintönigkeit des alltages zu verbringen, wäre da nicht die stimme in ihrem herzen gewesen, die vom meer, dem wind und der sonne sprach und sie in vielen mondhellen nächten wieder und immer wieder an den rand trieb, wo sich tief unter ihr die wellen an den felsen brachen...sie spürte, dass irgendetwas in ihr wuchs, das grösser und grösser wurde, das eine unbändige lust in ihr entfachte, die gelebt und geliebt werden wollte.
und die stimme sagte: spring! breite deine flügel aus, vertraue dem wind, der dich tragen wird....
irgendwann war diese sehnsucht so ungebändigt, so entfesselt, dass kein wenn und kein aber, keine erfahrungswerte der anderen vögel, keine bedenken, keine zweifel sie mehr zurückhielten.
erst zaghaft, dann immer bestimmter überliess sie ihre flügel dem wind, spürte die kraft, die sich ihrem gefieder annahm...liess los, liess sich fallen und
...flog.
das fliegen war einfach, war selbstverständlich, eine gabe, die seit urzeiten in ihr steckte und nur darauf gewartet hatte, gefunden zu werden...
nichts würde sie mehr halten können auf ihrem weg in die sonne, der unentdeckt vor ihr lag.

zuggermuddi - 19. Okt, 12:55
tell me a story, where we all change and we'd live our lifes together and not enstranged. es hatte nicht geregnet, der tag verlor nicht seine farbe, die zeit stand nicht still, die bäume verloren nicht die blätter, als er ging.
das kind sass auf ihrer hüfte, nuckelte am daumen, in der faust einen schokoriegel, nicht zartbitter wie ihre gefühle, sondern unendlich süss. zu klein, um zu begreifen, kinderkummer resultierend aus ihren tränen schokoladengestillt. sie hatte es gewusst, immer gewusst, in schlaflosen nächten, in denen er nicht nach hause kam, an schweigenden morgen, an denen sich der schlüssel im schloss drehte und der duft fremder haut den kaffeeduft am frühstückstisch übertönte. die zeitung vor seinem gesicht, eine undurchdringliche mauer, sparsame blicke auf das kakaoverschmierte runde kindergesicht.
die blumen blühten weiter, der postbote pfiff ein lied auf seinem fahrrad, als er winkend an ihr vorüberfuhr, ihr gesicht unbeweglich, das kind warm auf ihrem arm.
sie würde die kraft finden, die sie jahrelang nicht wahrhaben wollte, gleich würden ihre beine ihr gehorchen, umdrehen, gehen, weitergehen, schritt für schritt, weiteratmen, aufatmen, die tür schliessen, für immer.
no regrets. wenn es nicht so tragisch wäre, wäre es zum lachen, ein hysterisches kichern bahnte sich seinen weg aus ihrem mund, erschrak sich vor der lautstarken courage und verschwand in der lauen sommerbrise.
no regrets, they don't work, they only hurt. der schmerz war irgendwann ein dumpfer begleiter, stumm, anklagend, wenn abends die uhr unerbittlich tickte und die sorgsam gemachte betthälfte verwaiste.
die offenbarung von freiheit reusultierte nicht aus erhobenen zeigefingern, zusammgezogenen augenbrauen, mitleidigen blicken und geschüttelten köpfen im freundeskreis. jeder ratschlag, jegliche ratio prallte ab an ihrer mauer aus duldsamkeit, aus ihrer hoffnung, dass liebe ein geschenk sei, das man nicht wegwerfen dürfe, auch wenn die definition dieser eine selbstzerstörerische war.
die offenbarung von freiheit war ein lied, gesungen aus tausenden von kehlen. i don't want to hate but that's all you've left me with, a bitter aftertaste and a fantasy of
how we all could live. ein geschenk, das er ihr machte, ein unscheinbarer briefumschlag unter dem kugelgeschmückten tannenbaum, erwartungsvolle blicke seiner eltern, die das kleine auf dem schoss hielten. felt things were going wrong, when you didn't like my mother. oh du fröhliche weihnachtszeit. das fest der liebe, seine liebe verpackt in einem briefumschlag. nur eine karte. eine einzige. der babysitter sei organisiert, er selbst habe leider einen unaufschiebbaren geschäftstermin.
er hatte sich freigekauft mit einem konzert, mit einem sänger, den sie nur aus dem radio kannte. sein alibi war unnötig, die maske nur gewahrt für einen heiligen abend, an dem sein präsent eine gerissene doppelfunktion übernahm. you didn't have the time, so I softly slip away.
die kalte jahreszeit verging, die einsamkeit blieb, die tränen, die angst, die hoffnung. das kleine schlief eingerollt im kinderbett, das geld für das nette nachbarmädchen, zu jung, um eine potentielle gefahr sein zu können, lag auf der ablage im flur. morgens bahnte sich ein viel-spass-heute-abend durch die zeitungsmauer, das sich lobend auf die eigene schulter hätte klopfen können.
sie spürte sich zum ersten mal seit jahren, spürte ihr gewaltiges sein inmitten einer wogenden masse. ihre arme, beine schultern, verschwitzt, sich an fremden körpern reibend. tausend stimmen, die zu einer verschmolzen, zu ihrer stimme, die jahrelang geschwiegen hatte, gefangen in familiärer zuckerwatte aus gespielter glückseligkeit. und schrie und sang, bahnte sich einen weg in die freiheit, in der viele wege existierten, wenn sie endlich den aufbruch wagte. no regrets, they don't work. schrie und sang. glückstaumelig, verheissungsvoll.
es war schon spät, als sie nach hause kam, die grossen reisekoffer aus dem keller holte, sich nicht die mühe machte, kleidung ordentlich zusammenzulegen, alles hineinstopfte, den nacken steif vom tanzen, den hals wund vom singen, die gemeinsamen fotos verbrannte und nichts spürte beim erinnern an vergangene momente, kein bedauern, nur eine leise wut, die mehr mit ihr als mit ihm zu tun hatte. often I sit down and think of you for a while, then it passes by me and I think of someone else instead.
ein handgeschriebener zettel auf seinen koffern, die geduldig auf seine heimkehr, wo kein heim mehr war für ihn, warteten. sie würde nie wieder warten müssen: i guess the love we once had is officially dead.
für geli, sabine und alle anderen alleinerziehenden mütter, die jeden tag unglaubliches leisten
zuggermuddi - 28. Jun, 19:17
sie verliess mich an einem verregneten donnerstag
ohne ankündigung
hat alles mitgenommen
erinnerungen
wichtige unterlagen
bilder
meine musik
ich hasse sie
und wollte sie dennoch wieder haben
habe erst gemerkt wie abhängig ich war
nachdem sie sich aus dem staub gemacht hat
sie war mein zeitvertreib
unterstützte mich bei der arbeit
grundlage für meine muse
immer an meiner seite
in einsamen abendstunden
und an kaffeegeschwängerten morgen
wochenlang missbrauchte ich andere
an öffentlichen plätzen
an denen mir jeder über die schulter schauen konnte
fuhr zu freunden
die mir ihre ausliehen
um flüchtige augenblicke zu geniessen
die mir aber nie gehören würden
nun habe ich eine neue
ein billiges stück
sie verschafft mir das nötigste
ist aber ein armseliger ersatz
klein und nichtssagend
laut und aufdringlich
und trotzdem kann ich nicht die finger davon lassen
oh lord, won't you buy me...
zuggermuddi - 27. Apr, 20:58
gestern beim hobeln der möhren für den salat passierte es:
der böse hobel verwechselte meinen daumen mit einer karotte und hobelte sich dreisterweise in meinen finger. blut spritzte, verteilte sich auf meinem küchenschrank und auch auf dem fussboden. das kleinste monster quiekte entsetzt: "mama, du bluteeeeest!", während ich still und leise kurz im badezimmer verschwand, mir ein kinderpflaster organisierte (mit einem elefanten drauf, wen es interessiert), den schnitt verarztete, die besudelte küchenablage reinigte und mir dann ungerührt die nächste geschälte möhre nahm, um diese in dünne scheiben zu verwandeln.
heute telefonierte ich mit dem liebsten, der gerade in der küche stand und geschirr abwusch. mitten im gespräch erschallten plötzlich unartikulierte schreie aus dem hörer, die mich, wenn ich nicht reflexartig den hörer einen halben meter von meinem ohr weggehalten hätte, mein gehör gekostet hätten, gepaart mit den unerhörtesten flüchen, bei denen sogar einem kesselflicker die ohren gewackelt hätten und ein katholischer pfarrer sicherlich nicht abgeneigt gewesen wäre, den liebsten zu exkommunizieren oder gleich einen exzorzisten vorbeizuschicken.
als ich mich besorgt danach erkundigte, was überhaupt geschehen sei, wurde ich unwirsch angebrüllt, dass er sich gerade in den finger geschnitten hätte... an einem zerbrochenen weinglas und somit quasi eine nahtoderfahrung erlebt hätte....und dass er mich zurückrufen würde, sobald er sich verarztet habe, falls er diesen schnitt überhaupt überleben würde, was nicht gewiss wäre, weil er bluten würde wie ein abgestochenes schwein.
ich legte ein wenig beleidigt auf, denn nicht ich hatte ein weinglas genommen, kräftig an einer tischkante zerschlagen, um ihm dann die finger oder schlimmeres abzuhacken (obwohl ich mich nach dem telefonat kurzzeitig in passender stimmung befand), also warum hatte er mich angeschrieen?
nach fünf minuten kam immernoch kein rückruf, so dass ich aufmerksam und sorgenvoll, wie ich nunmal bin, einen weiteren anruf tätigte, damit ich im notfall einen krankenwagen vorbeischicken konnte, der seinen finger gelagert in einer eisbox mit viel tatütata ins krankenhaus transportiert, während er daneben sitzt und ab und an tränenreich über die tiefkühlbox streichelt und seinem finger mutmachende worte zuflüstert.
nach dem zweiten klingeln war er aber schon am apparat und teilte mir mit, dass er ein pflaster gefunden und über den schnitt geklebt habe. na prima, dachte ich, happy end, finger noch dran, alles gut.
aber nein....nicht mit dem liebsten, der zur zweiten runde in seiner selbstmitleidstirade ansetzte:
es würde sososoooooooooooooo wehtun
(jammernder unterton)
er würde gleich sterben
(verzweifeltes röcheln)
bestimmt würde er verbluten, wenn er das pflaster wieder abnehmen würde
(angstvolles schluchzen)
aaaaaaaaaaah, es wäre so furchtbar, er wäre ein schwerstverletzter und dem tode knapp entronnen
(manische schreie)
und
es würde sososoooooooooo wehtun
(erneut jammmernder unterton)
und ob ich ihn den gar nicht trösten wolle?
(trauriges schniefen am anderen ende des hörers)
mir fehlten in dem moment die passenden worte, wahrscheinlich wäre es ihm sowieso am liebsten gewesen, wenn ich im krankenschwesterkostüm den rest des abwasches übernommen hätte, das essen gekocht, die küche aufgeräumt hätte, um mich danach zu ihm aufs sofa zu setzen und ihn gehörig zu... verarzten.
manchmal haben fernbeziehungen durchaus ihre vorteile, wie ich finde. wer weiss, wie lange der arme, gebeutelte mann diese ich-muss-sterben-nummer durchgezogen hätte, wenn wir uns eine wohnung teilen würden? männer haben, was das angeht, unendliches durchhaltevermögen.
wenn sie krank sind, sind sie grundsätzlich sterbenskrank, wenn sie verletzt sind, ist es IMMER eine fast tödliche geschichte.
sie liegen dann wie kleine käfer zappelnd auf dem rücken, in der erwartung streicheleinheiten zu empfangen gepaart mit der mitgebrachten lieblings-dvd aus der videothek oder sie starren leidend auf ihre partnerinnen, die sich bemühen, den gamecube zu installieren und danach in der küche verschwinden, um berge von appetitlichen genesungshäppchen zu kreieren.
so konnte ich das trostprogramm auf ein paar durchgeknallte synapsen in meinem kopf reduzieren, die ein wenig wirre lyrik erschaffen haben und komme hiermit meinem versprechen nach, welches ich am telefon gab, mich salbungsvoll dem troste seines fingers hinzugeben:
gar wunderbare trostworte für den finger
oh geschnitten
an tückischem glas
schmerz
über den der liebste das lächeln vergaß
schrie und wand sich vor qual
das erschrockene ohr seiner maid
ward ihm egal
blut, oh unseliges blut
über den geschundenen finger laufen tut
nichts mehr gut
nur noch pein
da half nur ein pflasterlein!
wäre ich dort
an diesem unseligen ort
küsste ich deinen finger sanft
damit der schmerze dich nicht verkrampft
oh holder geliebter
höre, was königinnenmutter sprach:
bis zur hochzeit
vergangen die schmach
bis zur ehe vergangen dein leid
hast ja noch ein paar jahre zeit
zuggermuddi - 29. Jan, 20:42
nichts ist schwerer, als dem kind einen namen zu geben, vorallem wenn dieses kind jung, dynamisch und erfolgreich sein soll.
all diese attribute wurden ihm schon in die wiege gelegt, obwohl es jahrelang namenlos auf dieser welt existierte.
dem kind des liebsten wurde in den letzten wochen eine besonders intensive form der gedanklichen zuneigung zuteil:
emails wurden geschrieben, die wirren des weltweiten webs durchschritten, freunde und fremde befragt, der eigene kopf nach verborgenen schätzen durchforstet, immer auf der suche nach dem schwer zu beschreibenden erlebnis, das dem liebsten das selige lächeln auf das gesicht zaubern sollte.
das erlebnis, welches die kreativ-front im kopf die schilder laut jubelnd hochhalten lässt: "hundert punkte, alter" und die dann laut stampfend "das isses, das isses!" kräht.
nächtelang wälzte sich der liebste im bett hin und her, seufzte laut, begrub die nase im kopfkissen und murmelte die gewagtesten wortkreationen vor sich hin, lauschte in sein innerstes, wo die kreativ-front, beleidigt und mürrisch dreinblickend, stumm die köpfe schüttelte. all die worte, im dunkeln ausgesprochen, perlten seufzend von den wänden, gesagt, verkannt, aus dem kopf verbannt. sie begleiteten mich nach der, ich weiss nicht wievielten,schlaflosen nacht aufgrund von partnerschaftlicher empathie nur noch als konsonanten-und-vokale-brei ins land der träume, wo sie als bunt schillernde buchstaben um mich herum schwebten und mir ins ohr wisperten: "wenn du meinen namen nicht errätst, musst du mir deine nächste tafel kinderschokolade schenken, heute back ich, morgen brau' ich, übermorgen entziehe ich der muddi ihre nahrungsgrundlage...hihihi".
wie von der tarantel gestochen, fuhr ich aus meinen träumen hoch. ach, ach liebster, so kann es doch nicht weitergehen, dachte ich mir.
du und deine agentur, was macht ihr nur?
dieser irrsinn musste ein ende finden, wenn ich nicht in zukunft meinen morgen mit dem zählen der ringe unter meinen augen beginnen und den tag mit der handhabung einer packung oropax beenden wollte. ich beschloss, die namenspatin dieses kindes zu werden und das problem auf pragmatische art und weise zu lösen. agentur, wie nenne ich dich nur?
klarer fall, tabula rasa im kopf anordnen und den ersten jungfräulichen gedanken der verborgenen wort-lotterie als sechs-richtige deklarieren.
stille.
absolute stille im gedankenkarussell.
gut.
durchatmen.
nichts denken.
nichts.
und jetzt.
BRODELNDER BOLEM
wie bitte? brodelnder bolem? die stochastik meiner gedankenmaschine brachte also fragmente einer "wilden reise durch die nacht" ans (monden)licht? na gut, wenn es denn sein muss.
immerhin eine alliteration.
und irgendwie klingt das "brodelnd" nach aktiven prozessen, nach kreativität, nach potential, nach dynamik. und sitzen wir nicht alle gemeinsam im selben bolem? (bei diesem gedanken unterdrückte ich krampfhaft ein irres kichern), schlaf nur liebster, der erste gedanke wird der beste sein! und um so öfter ich es vor mich hinmurmelte, um so besser klang es. brodelnderbolembrodelnderbolembrodelnderbolembrodelnderbolembrodelnderbolem
erleichtert schlief ich zum klang meiner gemurmelten monotonie ein.
am nächsten abend unterbreitete ich dem liebsten meinen vorschlag, als er gerade erneut zu einer namensfindungslitanei im gemeinsamen bett ansetzen wollte: "ich weiss, wie wir die agentur nennen werden. brodelnder bolem. bro-deln-der boooooooolem. schluss. aus. fertig ist die laube. jawohl, der herr, daran führt kein weg vorbei."
er schaute mich dermassen entgeistert an, dass man denken konnte, dass er lieber eine verbale autobahn um den brodelnden bolem gebaut hätte, anstatt sich noch einmal mit diesem gedanken auseinanderzusetzen. mich beschlich die leise ahnung, dass meine euphorie nicht geteilt werden würde und zeitgleich eine unbestimmte angst, dass meine tiefschlafphase in nächster zeit ein wunschgedanke bleiben würde, erstickt von tausend potentiellen-namen-gedanken.
ich versuchte zu erklären, was man mit dem wort "brodelnd" spontan assozieren könnte, blieb aber leider zunächst an bohnensuppe im bauch kombiniert mit warmen badewasser hängen. nicht alle ersten gedanken tragen einen goldenen glorienschein.
auch mein vorschlag, dass alle mitarbeiter sich passend zum neuen namen umbennen könnten: "hallo hier spricht brinkfried brodem, brodelnder bolem" wurde mit einer verächtlich hochgezogenen augenbraue kommentiert. mittlerweile wälzte ich mich kichernd auf dem bett hin- und her und kreierte immer wahnwitzigere namen für die mitarbeiter (barbara brodelgut, brian brabbelhut, bernhard bröselbier, beate bregenbrot...usw.). und alleine der gedanke an das wort "brodelnder bolem" reichte plötzlich aus, um mich in unkontrollierte lachkrämpfe zu stürzen, mir liefen die tränen die wangen herab, ich zuckte und zappelte mit allen vier gliedmassen wie ein epileptiker, der zu viel speed geschmissen hatte und kreischte vor vergnügen.
jeder andere hätte vermutlich längst die männer mit den weissen jacken gerufen, der liebste verzog keine miene und murmelte nur irgendetwas von "hoffentlich bist du eine art kanarienvogel" und "wenn-ich.das-licht-ausmache, hälst du vielleicht endlich den schnabel" bevor es dunkle nacht wurde und ich binnen kürzester zeit eingeschlafen war.
der nächste morgen kam, ich klappte meine äuglein auf und war von dem wunsch beseelt, meine mission zu einem glücklichen ende zu bringen. fortuna war mit mir, denn die grandiose idee, die mir durch den kopf geisterte, setzte unbedingt voraus, dass der liebste sich noch im land der träume befand. regelmässige atemzüge und ein friedliches fast-wie-ein-baby-gesicht verrieten mir, dass der gute noch fest schlief. suggestion. ab ins unterbewusstsein damit.
ich beugte mich vorsichtig über ihn und murmelte mit dumpfer, leicht lasziver stimme in sein ohr: "du schlääääääfst, du schläfst tief und fest, du liegst ganz entspannt im bett und atmest ein und aus, eiiiiiiiiiiiiin und auuuuuuuuuuus..., du schläfst tief und fest, aber trotzdem beschäftigt sich dein kopf damit, wie du die agentur nennen könntest. du atmest ein und aus, eiiiiiiiiiin und auuuuuuus....du hast auf einmal eine gute idee, eine sehr guuuuuuuuuute idee, dir ist vollkommen klar, wie du die agentur nennen wirst, du bist vollkommen entspannt, da du nun eine lösung gefunden hast. alle anderen ideen verbannst du aus deinem kopf, es gibt nur noch eiiiiiiiinen naaaaaamen, der dich glücklich macht und der lauuuuutet......"
in dem moment schlug der liebste die augen auf und machte mir unmissverständlich klar, dass er mich erwürgen würde, wenn ich noch einmal das wort "brodelnder bolem" in den mund nehmen würde.
was soll ich sagen? seine drohung hielt ungefähr 2 stunden lang, in denen ich an nichts anderes als "brodelnder bolem" denken konnte und dieser gedanke mich so sehr ausfüllte, dass er sich irgendwann den weg aus meinem mund bahnte und kichernd auf dem frühstückstisch sass.
der liebste packte ihn seufzend mit spitzen fingern am kragen, sperrte ihn in eine email und sandte ihn seinen mitstreitern zu, die die namensgebung mitentscheiden müssen. 1:0 für mich.
gestern abend haben sich die jungs getroffen, um zu beraten, das endergebnis ist mir leider noch nicht bekannt, aber sie wären vollkommen wahnsinnig, wenn sie einen anderen namen nehmen würden. vollkommen wahnsinnig, finde ich.
zuggermuddi - 10. Nov, 13:11