Dienstag, 20. Mai 2008

eine nachricht

sehr geehrter herr doktor watzenberg,

es erscheint mir ein wenig, nun sagen wir, ungewöhnlich, dass ich, als ihre mandantin, einen brief an sie richte, aber mir bleibt kein anderer ausweg, seitdem ich mich in dieser unsäglichen situation an diesem ort befinde, der es mir unmöglich macht, sie weiter telefonisch zu kontaktieren.

zumal sie in den letzten wochen augenscheinlich sehr beschäftigt waren, wie mir ihre sekretärin tagtäglich mitteilte. die dame erschien mir ein wenig ungehalten und ich frage mich durchaus, woher diese stimmung rührt, denn ich gehe davon aus, dass ihre angestellten bestens über diesen fall informiert sind, mit den einzelheiten vertraut und darüberhinaus wissen, dass mit der beauftragung durch sie, als meinen rechtsbeistand, ein nicht allzu geringes sümmchen auf ihr konto eingegangen ist, wenn man alle beratungsgebühren und verfasste anschreiben zusammenfasst.

darüberhinaus wurden sie von mir in kenntnis gesetzt, dass ich zusätzlich einen privatdedektiv beauftragt habe, um sie in ihrer arbeit zu unterstützen.

um genau zu sein, sind meine ersparnisse aufgebraucht und sogar mein dispositionskredit bis an seine grenzen ausgereizt, alles in allem hat mich diese fürchterliche geschichte mehrere tausend euro gekostet, bisher ohne erfolg.
vielleicht habe ich ein wenig überreagiert, als ich vorletzte woche stündlich ihre kanzlei via telefon frequentierte und einige unfreundliche sätze auf ihren anrufbeantworter sprach, nachdem ihre sekretärin nicht mehr bereit war, sich persönlich mit mir auseinanderzusetzen.
nun ja, wir alle haben unsere fehler und ich habe die letzten monate sehr unregelmäßig und unruhig geschlafen, manche nächte sogar vollkommen wach durchlebt, von sorge gepeinigt und nervosität getrieben.
um es kurz zu machen... das "geldgierige, inkompetente arschloch" nehme ich hiermit zurück und natürlich wünsche ich sie nicht dorthin, wo der pfeffer wächst, sondern wäre, ganz im gegenteil, sehr erfreut, wenn sie mich zu den vorgeschriebenen besuchszeiten mit ihrer anwesenheit beehren könnten, damit wir besprechen, wie wir weiter verfahren.

ich fürchte, dass sie aufgrund meiner jetzigen situation, dazu tendieren, meinem exmann zu glauben, der auf perfide art und weise dafür gesorgt hat, dass ich mich hier befinde, aber ich versichere ihnen, dass er, dieser skrupellose lügner, den ich einst liebte, nur dafür sorgen wollte, dass ich aus dem weg geschafft werde, damit niemand die wahrheit erfährt.

die ortsansässige presse steckt mit ihm unter einer decke, dessen bin ich mir sicher. vor 3 wochen traf ich mich in einem café mit einem redakteur, zeigte ihm die beweisfotos auf denen eindeutig zu erkennen war, dass mein mann ihn gestohlen hat. ja, er hat ihn gestohlen, das wissen sie, herr doktor watzenberg, genauso gut wie ich. der redakteur nahm mich nicht ernst, ich schätze, diese haltung wurde ihm durch hohe bestechungsgelder versüsst, so dass es ihm leichtfiel mit dem finger auf mich zu zeigen und mich auszulachen. aber eines sage ich ihnen, herr watzenberg, wer zuletzt lacht, lacht am besten.

...wenn ich nur nicht immer so müde wäre, die medikamente sind fluch und segen. die nächte, selig schlafend in watte eingepackt, vermitteln mir eine trügerische form von sicherheit. doch der blick am tag aus dem fenster, welches sich leider nicht öffnen lässt, auf den betonierten hof erinnert mich daran, was ich verlor, als mein exmann vor 15 monaten unser haus für immer verliess, um mit dieser... verzeihen sie den ausdruck, nun, um mit dieser...schlampe durchzubrennen. ich habe meinem exmann einiges in den letzten jahren verziehen, aber dass er mir das einzige wegnahm, was mir wirklich etwas bedeutet, hätte ich nie zu vermuten gewagt.

was hätten sie an meiner stelle getan? habe ich nicht das recht, wiederzuholen, was mir gehört?
ich war verzweifelt, herr doktor watzenberg, am ende meiner kraft und da sie als mein einziger vertrauter nicht zur verfügung standen, musste ich handeln.
stundenlang habe ich vor dem gartenzaun seines neuen häuschens im grünen gestanden, nachbarn befragt, spaziergänger angehalten, in der hoffnung, dass diese menschen mich unterstützen würden, den postboten abgefangen, damit er ihm mündliche nachrichten übermittelt. ich gebe zu, ich habe ab und an geschrien, mir ein paar mal die hände blutig geschlagen an der pforte, ach was... ein paar kratzer. dem notarzt, denn eine besorgte rentnerin vorbeischickte, habe ich ins gesicht gelacht. ein bürgersteig voll blut, lächerlich, solche kleinigkeiten können mich nicht daran hindern, mein recht durchzusetzen.

ich bin so müde, so müde....ich muss wach bleiben, die anderen dürfen keine kontrolle über mich haben. ich kneife mir immer wieder in den arm, öffne wunden, wach bleiben, wach bleiben, um jeden preis.
ich fühle mich so nackt, so schutzlos ohne ihn, mein exmann weiss das und hat ihn mitgenommen. wenn es einen gott gibt, herr doktor watzenberg und daran will ich fest glauben, dann wird er diese grausamkeiten vergelten, dessen bin ich mir sicher. und die rache wird mein sein für all die qualen, die ich hier auf erden noch erleiden muss. so müde, so müde.

mein teddy ....so müde...teddy...nachts, wenn ich die augen schliesse, sehe ich deine treuen, braunen glasaugen, sag' teddy, hast du es gut bei ihm?
kümmert er sich um dich? streichelt er sanft dein kuscheliges fell, so wie ich es immer getan habe?
....so müde, so müde...
...sie dürfen mich hier nicht einsperren...
ich kann nicht schlafen ohne dich...schlafen....schlafen....
schlafen.



dieser text entstand als beitrag zum "tresenlesen" in der dreizimmerwohnung/ hamburg zum thema "einbildung"

Mittwoch, 14. November 2007

erste haiku-gehversuche

badewannen-haiku

"dort in der wanne
da lag die katze leise
vom frühling träumend"

für herrn schröder

wintersonnen-haiku

"du bist sonne mein
leuchtest durch die dunkle nacht
bis mein winter fort"

für und inspiriert durch frau kamikatze, die ich nicht mehr missen möchte

Dienstag, 23. Oktober 2007

neuland

"...und du wirst mein amerika" (klaus hoffmann)

auf dem weg zu neuen ufern
trage ich mein schönstes kleid
das herz auf der zunge
die blicke geputzt
wandele auf eingetretenen pfaden
werde jenseits der gewohnten wege
neue fussspuren hinterlassen.

Freitag, 12. Oktober 2007

geschichten aus pädagogien

oh du goldene herbstzeit, vielbesungen, farbenpracht, blätterregen, kastanien, eicheln, kartoffelfeuer, erntezeit. rauhreif, der funkelnd im sonnenlicht in zarte tautropfen verzaubert wird, ein letztes aufbäumen des sommers, bevor sich die natur bereit macht für den winterschlaf.

ein ewiger reigen aus leben und sterben und wir kolleginnen aus pädagogien mittendrin. zweimal im jahr verlassen wir den luxus unserer fußbodenheizungverwöhnten kindertagesstätte und wandern für eine woche in den wald, komme, was da wolle, ob regen, sturm, frost oder zeckenplage.

und jedes jahr wieder überlege ich, ob ich nicht genau zu dieser zeit von einer schrecklichen krankheit heimgesucht werde, die genau fünf werktage andauert, um dann am darauffolgenden wochenende auf wundersame art und weise zu verschwinden. ich bin kein stubenhocker, ich bin wirklich gerne an der frischen luft, ich mag wälder und elbstrände, das meer, berge und mutter natur, wirklich! einzige voraussetzung ist die möglichkeit bei unabwägbaren widrigkeiten, die chance zu haben, in die eigenen vier wände zurückzuflüchten.

im sommer zelte ich sogar gerne, lebe in nachbarschaft mit gefräßigen waschbären, die das vorzelt nach essbaren durchwühlen, teile mein frühstück mit ameisen, schmeisse mich kreischend in eiskalte badeseen....kein problem, weiss ich doch, dass jeder campingplatz mit fliessend wasser, duschen, toiletten und einer imbißbude ausgestattet ist, an der ich meine sehnsucht nach zivilisation mit fritten und bier kompensieren kann.

und natürlich scheint im sommer die sonne, was einem mindestdurchschnittstemperaturen von 23°C garantiert und wenn nicht, auch kein drama, isomatten kann man notfalls im heimischen wohnzimmer ausrollen. das kann unter umständen ebenfalls sehr abenteuerlich sein, vorallem wenn man jemanden neben sich liegen hat, der schnacht wie räuber hotzenplotz nach einem saufgelage. hat ja irgendwie auch mit wald zu tun, wenn auch eher mit dem akustischen abholzen von bäumen, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

kehren wir zurück zu unserem halbjährlichen event, welches uns nun zur herbstzeit in die tiefen des waldes zwang. schon am vergangenen wochenende kündigte der wetterbericht nachttemperaturen von 5°C an, was konsequenterweise heisst, dass es morgens um acht uhr nicht viel wärmer sein kann, wenn man sich durchs dickicht auf unsere traditionelle lichtung kämpft.
die ansonsten eher freudig-erregt-geprägte, typisch weibliche was-ziehe-ich-an-frage bekam einen bitteren beigeschmack, weil sie zwangsläufig mit dem "zwiebellook" assoziiert wurde. es ist mir schon fast peinlich an dieser stelle aufzuzählen, was ich mir alles anziehen musste, um nicht elendlich in den weiten der natur zu erfrieren: unter der jeans kämpften eine nylonstrumpfhose und eine dicke wollstrumpfhose um beinfreiheit, darüber wurden wollssocken gezogen, ein lammswollender nierenwärmer, das ganze gekrönt von einem paar gefütterter winterstiefel. ein unterhemd schmiegte sich bibbernd an ein langärmeliges oberteil, welches von einem strickpulli bedeckt wurde. darüber türmten sich in seliger zweisamkeit eine fleece- und eine regenjacke. mütze, schal und omas selbstgehäkelten fäustlinge komplettierten die überlebensausrüstung.

...dass ich in dieser aufmachung kaum in mein auto einsteigen konnte, geschweige denn in der lage war, vernünftig zu fahren, erkannte ich erst, als ich eingequetscht wie ein michelinmännchen hinter dem steuer sass und nur mit mühe und not meine vier gliedmaßen betätigen konnte, um an lenkrad und pedale zu gelangen. auch erntete ich irritierte bis mitleidige blicke von meinen nachbarn, die sich gehüllt in schicke herbstmode auf dem weg zur arbeit befanden, in der gewissheit nur eine kurze strecke mit ihrem gefährt zurücklegen zu müssen, bis ein warmer kaffee auf dem schreibtisch und ein beheiztes büro auf sie wartete.

eine viertelstunde später gelangte ich schweißgebadet aufgrund von wärmeanstauungen auf engstem raum und motorischer unzulänglichkeit und der daraus resultierenden panik, einen verkehrsunfall zu verursachen, bei dem ich mich noch nicht mal alleine aus dem auto retten könnte, auf den beschaulichen waldweg, der die grenze zwischen wildnis und zivilisation repräsentierte. ich liess mich wie eine dicke made aus dem fahrersitz kippen, als mir die unerbittliche kälte schon ins gesicht schlug.

bewaffnet mit einem rucksack vollgepackt mit einer liter-thermoskanne gefüllt mit kochend heissem tee, einer regenhose (die wirklich allerletzte maßnahme, um mit roher gewalt noch mehr kleidung über den schon vorhandenen kleiderberg zu zerren, falls ein eisiger regen das herbstwetter noch mehr verunstalten sollte) und diversen plastikhandwärmern stolperte ich wild mit den armen rudernd zum treffpunkt, wo schon einige eltern mit ihren kindern warteten und vermutlich nur raten konnten, welche der sechs tapferen erzieherinnen sich unter der wahnsinnigen verkleidung verbarg.

die gruppe der kleinen monster wurde in meine obhut übergeben und nun mussten wir einen fußmarsch durch unwegsames gelände hinter uns bringen, um zu besagter lichtung zu gelangen. neben dem kleiderberg und dem rucksack hielt ich zusätzlich zwei der kleineren kinder fest, damit sie nicht wie hänsel und gretel in der unendlichkeiten des herbstlichen waldes verschwinden konnten. wir stapften los und schon nach einer kurzen zeitspanne musste ich ungewollte erfahrungen damit sammeln, was für grausame konsequenzen der liebliche begriff "altweibersommer" mit sich bringt. vollkommen unvorbereitet und ahnungslos rannte ich mitten in ein riesiges spinnennetz, um genau zu sein ein kreuzspinnennetz, samt derem fetten mitbewohner, der stoisch auf eine kleine mücke oder fliege wartete und nun mit einem frühstück der überdimensionierten art überrascht wurde.
ich kreischte schlimmer als die frau unter der dusche bei "psycho" und war einem ohnmachtsanfall schrecklich nah. ich fuchtelte mit den armen herum, schlug wild um mich, um die klebrige masse samt des achtbeinigen korpus aus meinem gesicht zu entfernen, während viele kinderaugenpaare mich ungläubig beobachteten.

erste erkenntnis: der wald ist die hölle und der teufel steckt im detail in form von arachnoiden monstern, die mich fressen wollen!

endlich am bestimmungsort angelangt, hatte ich mich noch nicht ganz von meinem ersten waldtrauma erholt und überlegte, ob ich mir meinen rucksack einfach über den kopf ziehen sollte, als vorbeugende maßnahme gegen eine anhaltende hyperventilation und um nichts mehr von der herbstlichen natur um mich herum sehen zu müssen.

die kinder fingen an zu spielen, sammelten tannenzapfen, stöckchen, buddelten im waldboden, bauten tipis und ich? ich begann zu frieren, ein schleichender prozeß, erst kaum warnehmbar, an den füssen beginnend, dann immer offensichtlicher mit gänsehaut auf den beinen, am rücken und dann mit zaghaft klappernden zähnen.
aussentemperatur: 8°C,
gefühlte temperatur: allerhöchstens minus 25 °C.
ich zitterte und klapperte, jammerte und hopste auf der stelle, schlackerte mit den armen, wackelte mit den zehen...ohne großen erfolg. ich drohte am waldboden festzufrieren, ich würde elendlich als eisstatue auf einer lichtung enden.

es war allerhöchste zeit für eine professionelle innenaufwärmung mit dem inhalt meiner thermoskanne, ein höchste gefährliches unterfangen, bei dem man den input genauestens berechnen musste, um nicht in den teufelskreis des grauens zu gelangen.

nun stellt sich vielleicht die frage, was so kompliziert daran sein soll, sich eine kanne tee hinter die binde zu giessen?
rein in die tasse, einzweimal pusten, kopf in den nacken und fertig ist die laube...ha! man darf eine tatsache nicht unterschätzen! ich befand mich zu diesem zeitpunkt in einem unwegsamen wald. EINEM WALD.
klingelt es? und was ist in einem wald definitiv nicht vorhanden?
eine toilette, genau!
nur ein milliliter zu viel tee im magen konnte dazu führen, dass das empfindliche gleichgewicht zwischen input und output sich zugunsten des outputs verlagerte und die blasenmuskulatur alarm schlug.
es existieren wenige momente, in denen ich mir wünschte, ein kerl zu sein, die im-wald-kein-klo-situation ist einer dieser seltenen anwandlungen. die konsequenzen eines übermäßigen teegenusses führen bei uns meeedchen in der regel zu einem unwürdigen unterfangen, bei dem wir hilflos mit klamotten um unsere schienbeine gewickelt auf dem waldboden hocken und hoffen, dass während unserer verrichtungen keine insekten über unseren allerwertesten krabbeln und wir uns nicht aufgrund unserer immobilität auf die schuhe pinkeln.

doch das alleine wäre noch harmlos, wenn da nicht der teufelskreis des grauens wäre, der in einer endlosen spirale mündet, sobald man das erste mal hinter den büschen verschwindet, um sich zu erleichern. in meinem fall spielte nicht nur der faktor "wald" eine große rolle, nein, dieser wurde von einem zweiten faktor maßgeblich beeinflusst und dieser lautete "kälte", unerbittliche, grausame, stechende kälte.

fortuna hatte mich im stich gelassen, meine schätzungen der teezufuhr blieben unzulänglich und während ich nun kurzzeitig innerlich aufgewärmt die beine zusammenkniff, kicherte fortuna hämisch vor sich hin, während sie kuschelig in einer wolldecke eingehüllt vorm ofen sass und bratäpfel futterte.

zweite erkenntnis: fortuna lässt sich nicht so leicht hinterm ofen hervorlocken.

ich verschwand fluchend im gestrüpp und eröffnete so neben dem natürliche reigen der jahreszeiten, einen weiteren reigen: den teufelskreis des grauens.
ich spare mir an dieser stelle die erneute aufzählung aller kleidungsstücke, die mich umhüllten, die nun im weg waren und mehr oder minder entfernt werden mussten, um erneut auf den zweiten faktor hinzuweisen, der aus dieser unseligen geschichte einen teufelskreis machte: kälte, unerbittliche, grausame, stechende kälte (ja, ich weiss, dies erwähnte ich schon, aber ich versuche hier nur klarzumachen, wie hochdramatisch die ereignisse sich zuspitzten).
gerade aufgetaut und wohlig durchwärmt, fror ich mir nun den wortwörtlichen arsch ab, als strafe dafür, zu tief in den teebecher geblickt zu haben.
erleichtert, aber bitterlich frierend, war ich nun wieder auf die thermoskanne angewiesen, deren inhalt mich wiederum zwang in den büschen zu verschwinden, aus denen ich zitternd zurückkehrte, um erneut heissen tee zu trinken, dessen konsum dazu führte, dass ich wieder in das dickicht stapfte...und so weiter und so fort...

dritte erkenntnis: das mathematische verhältnis von input in bezug auf output gemessen an der anzahl der zwiebelschichten im verhältnis zum faktor "kälte" und "wald" zugunsten der anzahl der zwiebelschichten verlagern, um input zu verringern und die gefahr des outputs auszuschliessen.

auf diese art und weise kann man hervorragend einen vierstündigen vormittag herumbekommen, ich verfiel fast in einen tranceartigen zustand zwischen frieren, aufwärmen, einfüllen, herauslassen....unterbrochen wurde dieser kreis nur kurz, als ich entdeckte, dass ich einer armen nacktschnecke auf den kopf gepinkelt hatte, dies war quasi der spannende höhepunkt meines tages.
die kolleginnen mutmaßten, ob schnecken auf diese art und weise osmotischen prozessen ausgeliefert wären. ich wusste es nicht, wollte nur noch nach hause, wo ich niemandem auf den kopf mache und mir auch keinen kopf um solche fragen machen muss.

um die mittagszeit stolperte ich dann zum auto und schwor, dass ich nächsten herbst eine grippe habe oder noch besser;

letzte erkenntnis: eine blasenentzündung!

Dienstag, 24. Oktober 2006

jenseits der kaff-elegien/ fragment aus beton

sie wohnen dicht an dicht, aber spenden sich keine wärme, getrennt durch graue mauern.
keiner weiss, wer neben ihm wohnt, man trifft sich täglich auf dem flur, senkt den blick und starrt woanders hin.
graue blicke.

die wände sind dünn.

das namenlose atmet, schlägt die zeit tot, bringt die tage herum, klappert mit dem geschirr, hustet aufgrund der 20. zigarette an diesem morgen, ist fast greifbar.
sie alle wissen dinge voneinander, die kein mensch hören will, aber hören muss.

wände wie papier.

das leise weinen der frau, die immer eine sonnenbrille trägt, selbst wenn der himmel grau und wolkenverhangen ist, mit der man die geschwollene wange nicht abdecken kann. das junge ehepaar von unten, die erst leise und nach der dritten flasche wein immer lauter streiten, schreien, sich beschimpfen. zerbrochenes glas und zerbrochenes glück.
der unmenschlich laute ton des fernsehers, der die vier kleinen kinder aus dem fünften stock mit mord und totschlag unterhält, sobald sie aus der schule heimkehren und der ihre einsamkeit, die langeweile und den frust bis in die späten abenstunden übertönt, wenn die mutter müde und zerschlagen mit ein paar fettigen tüten abendbrot von ihrem job am bahnhofsimbiss nach hause kehrt.
der alte mann, der seemanslieder gröhlt und sein fernweh mit einer palette dosenbier und korn kompensiert und eingerollt auf der fussmatte vor seiner haustür einschläft, wo ihn ab und an die jugendlichen treten. höhnische blicke.

jeder neue morgen zerstört die sehnsucht, die träume der nacht mit dem lauten klappern der mülltonnen, in denen die frau mit dem kopftuch nach pfandflaschen wühlt.

der fahrstuhl ist defekt oder stinkt nach urin, manchmal hat jemand reingekotzt, dann geht man doch lieber zufuss.

das einzige grün in der gegend sind die rotzigen auswürfe auf dem asphalt und ein paar grashalme, die zwischen den gehwegplatten überlebt haben.

manche hatten träume, wollten fliegen.
haben es irgendwann getan,
aus dem zehnten stock.

jetzt kann man die fenster in den letzten vier stockwerken nicht mehr öffnen.









der vorherige und dieser beitrag wurden im rahmen eines blog-swaps schon einmal vor ca. einem jahr im dreggsblog veröffentlicht. nun archiviere ich sie nochmal hier als heimspiel

kaff-elegien/ fragment

...der rasen im vorgarten hat eine länge von vier millimetern, die kanten haben einen rechten winkel, kinder hat man gern, solange sie nicht das heilige grün betreten. das ist reserviert für die zwergenparade, die stoisch in einem grotesken bild der emsigen, unermüdlichen arbeit eingefroren ist. für das kleine hundehäufchen vom kleinen dackel franzl liegt immer ein kleines tütchen bereit.

fremden wird mit misstrauen begegnet, denn nichts soll die gleichmässigkeit, die eintönigkeit, den alltag, die immer wiederkehrenden jahreszeiten und die damit verbundenen riten und gebräuche stören. fremdsein bedeutet einsamkeit und kalte blicke, bis man gelernt hat, die tänze zu tanzen. zwei schritte vor und fünf zurück.

der kommunalpolitische höhepunkt des jahres findet im ehelichen bürgermeister-bett statt, wenn die gemahlin schweissgebadet und zähnefletschend oben liegt, anstatt wie ein plattgefahrener käfer auf dem rücken zu liegen und die muster der blümchentapete zu zählen, während das bett, bemalt im klassischen bauernmuster, ächzt und quietscht unter der adipösen last. denn auf dem wahlzettel existiert nur ein richtiges kreuz, alle anderen hängen in den klassenzimmern, in wohnzimmern und in der kirche.

jugendliche rebellion bedeutet hier in nachbars garten zu kotzen, nachdem man mit 2,0 promille, dank korn mit sprite, rum mit cola, hauptsache irgendeinem fusel mit blubber darin, aus der dorfdisco rausgetorkelt ist, in der jeder schon mit jedem geknutscht hat und der- oder diejenige geheiratet wird, der grad zufällig mit einem knutschte, als man den 21. geburtstag erreichte und es langsam zeit wurde.
die männer lieben ihre ehefrauen, das gibt ihnen das recht, ihnen notfalls mit der flachen hand oder der geballten faust den richtigen weg zu weisen.

die friseurin weiss von der bäckersfrau, dass der schlachtermeister dem mechaniker erzählt hat, dass die frau meier von nebenan von frau müller erfahren hat, dass der dorfarzt der cousine vom guschtl, der im kleinwarenladen arbeitet, gesagt hat, dass die resi, die in der gastwirtschaft bedient schon immer was vom huber-bauern wollte. na, sie wissen schon...und deswegen immer diese engen blusen anzieht, wenn sonntags stammtisch ist und der huber-bauer eine rote nase bekommt, weil er sein fünftes maß erhebt.
sie wissen alles und doch nichts.
sie reden, um zu reden.

sonntags mahnen die glocken zum gebet, wer in den reihen fehlt, ist krank oder zu gebrechlich, um buße zu tun und die heilige kommunion zu empfangen, eine andere entschuldigung existiert nicht.
wenn ER seine schäfchen ruft, trotten sie blökend der reihe nach in SEIN haus, um sich die kniee an den splittern in der bank wundzuscheuern.
die heftchen des priesters mit nackten, jungen damen aus litauen oder polen bleiben an diesem tag in der schublade im pfarrhaus, anstattdessen wird die bibel ausgepackt. sie beten und weilen in gedanken schon beim sonntagsbraten, der bald auf dem tisch steht.
heilig ist die scheinheiligkeit.
...

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