Sonntag, 27. Februar 2005

dove sei dank

dove







der frühling naht.

noch liegt die welt zwar grösstenteils unter schnee begraben, aber h&m, miss sixty, esprit und andere grosse klamottengeschäfte hängen schon wieder ihre neue kollektion an die kleiderständer, so dass frau nichts anderes übrig bleibt, als sabbernd an der schaufensterscheibe zu kleben, sich die nase plattzudrücken und die heissen fetzen zu begutachten.

hauchdünne, zauberhafte kleidchen flüstern einem zu: "kauf mich, trag mich, mach mich zu deinem neuen samstagabend-ausgeh-superheldinnen-dress!" wenn da nicht die betonung auf "kleidchen" läge...
denn da fängt das eigentliche problem an: wie jeder weiss, sind die wintermonate in deutschen landen hart....schneeverwehungen, eisiger nordwind und tiefste minusgrade zwingen einen dazu, die entwürdigsten sachen aus dem schrank zu kramen, um diese dann nach dem zwiebelprinzip schicht für schicht übereinander anzuziehen. vorteil dieser winterkleidung ist, dass sie extrem dehnfähig und schlabberig ist und einen unterstützt, ja, geradezu einlädt sich zusätzlich zu den baumwollschichten eine präventive speckschicht anzulegen. winterspeck ist wichtig, um nicht zu sagen überlebensnotwendig:

jede frau, die nicht allerspätestens im november tafelweise schokolade zu ihrem zimt-roiboosh-tee vertilgt, ist mir suspekt. frau MUSS vorsorgen, frau MUSS ein paar kilo zulegen, will sie nicht im winter bitterlich eines grausamen kältetodes sterben.

nun stehe ich also mittlerweile IM h&m, konnte dem wispern, raunen und betteln der kleidchen nicht wiederstehen , nehme sie erfurchtsvoll vom bügel, um sie dann selbstzufrieden in die umkleidekabine zu entführen, wo meine wenigkeit mindestens 20 minuten braucht, um mich aus strickpullover, langem shirt, kurzen shirt, hemdchen, hose, wollstrumpfhose (wehe, hier zuckt jemand missbilligend mit der augenbraue: wollstrumpfhosen sind ein must-have, sie mögen unästethisch sein, dienen aber dem obengenannten üerlebenstraining in freier wildbahn) und schuhen zu pellen.
irgendwann hatte ich dann endlich das objekt der begierde über den kopf gezogen und stellte fest, dass das teil hauteng sitzt. hauteng mag auf den ersten blick perfekt sein...wenn da nur nicht das problem wäre, dass ich mich nicht mehr bewegen kann, ohne dass es in allen nähten kracht.
da stehe ich nun, schweissgebadet, panik macht sich breit, das anziehen war ein leichtes, aber auf einmal gibt es kein vor oder zurück mehr, ich stecke fest, gefangen in einem kleid von h&m in grösse 36. ich schimpfe mich als gnanlose, realitätsignorierende optimistin, fluche, dass ich nicht wenigstens eine freundin mitgenommen habe, die mich aus dieser unglimpflichen lage befreien kann.

während ich alle möglichen verrenkungen veranstaltete, die locker einem fakir oder david copperfield konkurrenz gemacht hätten, entdeckte ich nebenbei, quasi als unagenehmen nbeneffekt, in den grausam grossen spiegeln, die vor und neben mir hängen, dass das kleid sich beult und zwar nicht nur an den stellen, an denen beulen wünschenswert wären, sprich in höhe meiner brüste, sondern ebenfalls links und rechts über meinen hüftknochen, sowie an meinem bäuchlein, welches ich in den letzten monaten zärtlich mit schokolade, pasta, weihnachtsgans und anderen leckereien gepflegt habe. mein winterspeck avanciert auf einmal zur beulenpest, "meine fresse, ich BIN eine wandelnde beulenpest", schiesst es mir durch den kopf. eine pest, die sich mit grösse 36 gnadenlos verkalkuliert hat.

stunden später habe ich es geschafft, ohne weitere blessuren oder eingerissenen stoff, mich aus dem kleid zu befreien. verächtlich hänge ich es wieder zurück an seinen bügel, wo es von mir aus vergammeln kann oder eben von einem magersüchtigen klappergerüst erstanden wird.

zuhause angelangt, brauche ich ersteinmal ein paar trösteschokokekse und ein telefonat mit einer empathischen freundin, die ebenso wie ich den winter als natürlichen feind betrachtet, der mit einer zusätzlichen kalorienaufnahme bekämpft werden muss.

der frühling naht.

und mit ihm die flut der frauenzeitschriften, die tausende von diäten empfehlen, extra sportteile herausbringen, mit denen man in 10 tagen 3 kilogramm wegkämpfen kann. die verzweifelten anrufe in fitnesstudios häufen sich, in denen nach anmeldeformularen und bauch-beine-po-kursen geschluchzt wird. die ersten joggerinnen quälen sich durch wind und wetter, es wird gewalkt, gestrecht, gestöhnt, geächzt. wo im kühlschrank vor ein paar tagen noch dicke käsescheiben einträchtig neben schokoriegeln und pudding lagen, häufen sich aufeinmal rohkost, slimfast-dosen und stilles mineralwasser.

nicht mit mir!

seit gestern habe ich mein seelisches gleichgewicht zurückgewonnen, denn da kam besagte freundin zu besuch, die mir freudestrahlend einen artikel mitbrachte, der "scharfe kurven" propagierte....und eines musste ich erleichtert feststellen, die kurven hatten so gar nichts mit haut und knochen zu tun, sondern zeigten die drei deutschen models der kosmetikfirma dove. und siehe da, die drei schönen hatten wunderschöne bäuchlein, mit denen sie garantiert genauso festgesteckt hätten, wie ich an diesem unseligen nachmittag. auch der po hat in diesem fall seinen namen verdient, da er sich bestimmt in einer jeans deutlich abzeichnet und in einem kleidchen verführerisch wackeln wird.

schönheit hat in erster linie nämlich nichts mit makellosigkeit zu tun, sondern mit einer gesunden portion selbstbewusstsein und mal ehrlich, eigentlich stören mich die paar überflüssigen pfunde gar nicht, ich passe immernoch in die hosen vom vorjahr rein, sie mögen zwar an der einen oder anderen stelle etwas enger sitzen, aber eine zwangsdiät würde bei mir höchstens schlechte laune hervorrufen.
bald beginnt sowieso die erdbeerzeit, von denen ich mich ausschliesslich ernähren könnte und wenn es warm wird, bin ich sowieso wieder vermehrt draussen anzutreffen, ohne dass ich geschnürt mit einem pulsmesser und gepeinigt von atmennot mich quälen muss.

gerade wir frauen neigen zu dieser zwanghaften ambivalenz, in dem wir auf der einen seite auf die werbung und das idealbild der frau, welches dort meistenteils propagiert wird, schimpfen, uns aber andererseits über nichts anderes unterhalten können, als darüber, wie man "problemzonen" bekämpfen kann.
wie beruhigend ist es da, dass es firmen gibt, die einen gegentrend entwickeln, der zwar marketingtechnisch bei mir nicht anschlägt (ich glaube, ich habe noch nie ein produkt von dove gekauft), auf der anderen seite werbung endlich wieder sympathisch macht und zusätzlich dazu anregt, über sich nachzudenken.

2 tage, nach dem ich diese gedankengänge niederschrieb:
hurra, mittlerweile strahlen sie einem von jeder plakatwand entgegen, egal ob bushaltestelle oder littfasssäule...überall wohlgeformte rundungen, die die weiblichkeit betonen und einem auf geradezu liebevolle weise die eigenwahrnehmung zurechtrücken.
dove sei dank.

Donnerstag, 10. Februar 2005

orient-EXPRESSENTSCHEIDUNG

...noch zweimal schlafen...

wenn ich denn wenigstens schlafen könnte und mich nicht seit ein paar nächten schweissgebadet, seufzend und vollkommen übermüdet im bett hin- und herwälzen würde, während meine lippen stumm immer und immer wieder dieselbe frage formulieren:
was ziehe ich an? was in aller welt ziehe ich am samstag an?

normalerweise würde jetzt jedes weibliche wesen den kopf über mich schütteln, denn eigentlich sorgt das zweite x-chromosom im genetischen code dafür, dass dieser frage ein enormer endorphinausstoss folgt, geschmückt mit einem spitzen, wollüstigen schrei und fröhlichen hopsern, die einem wild gewordenen flummi gleichen.

ja, ich bin ein meeedchen und ja, normalweise gehöre ich auch zu den menschen, die 3 stunden im bad vertrödeln, um dann noch einmal mindestens dieselbe zeit vorm schlafzimmerspiegel zu verbringen, alle schränke aufzureissen und der was-ziehe-ich-an-frage mit geleerten regalen und den antiproportional dazu wachsenden kleiderbergen auf dem fussboden nachzukommen...immer schwankend zwischen krankhaftem narzißmus und angewidertem kopfschütteln, bis man ES endlich gefunden hat...ES...:

das samstag-abend-ausgeh-superheldinnen-dress!

...mit dem einen alle männer zu füssen liegen oder einem zumindest anerkennend hinterherschauen, während sie leise mit der zunge schnalzen. für das andere frauen töten könnten und sich in ermangelung dieser kriminellen tat vor neid alle haare ausreissen oder zumindest böse zischen, während man hoch erhobenen hauptes an ihnen vorbei stolziert, weil man sich die zeit genommen hat, der was-ziehe-ich-an-frage gebührend gehuldigt zu haben.

diese frage bedeutet lustgewinn, sie verwandelt für einige stunden den holzboden im schlafzimmer in einen catwalk, kann zur gruppenorgie mit stundenlangen diskussionen ausarten, wenn mehrere weibliche wesen aufeinander treffen und bietet ungeahnte kombinationsmöglichkeiten, wenn diese ihren eigenen kleiderfundus ebenfalls auf dem boden ausbreiten.

eigentlich eine angelegenheit, die einem nicht den kopf zerbrechen muss, denn selbst wenn der kleiderschrank nichts hergibt und in 90 % aller fälle rede ich mir das erfolgreich ein, habe ich endlich wieder einen guten grund, um einer ebenfalls genetisch veranlagten beschäftigung nachzugehen: dem shoppen. hier spielen sich dieselben szenarien ab wie im schlafzimmer: kleiderberge, lustvolle schreie, narzißmus usw. ...das alles nur auf komprimierter fläche und mit noch vielfältigeren kombinationsmöglichkeiten...

..aber oh, fortuna hat mich verlassen, genau in dem moment, an dem vor ein paar tagen mein telefon klingelte und mich meine freundin isabelle auf ihre nachträgliche geburtags-wg-party nach oldenburg eingeladen hat; massenhaft bier, massenhaft leute, massenhaft essen, gute musik, verwüstete wohnzimmer, überquellende aschenbecher, ärgerliche nachbarn...zuggermuddi-herz was willst du mehr, dachte ich mir...bis zu dem moment, wo mir aus dem telefonhörer fragmente wie "...verkleiden...", "...mottoparty..." "...orient..", "...wird voll lustig..." entgegenquollen und ich mich vor schreck erstmal setzen musste.

ich muss vielleicht erwähnen, dass ich wirklich nordisch by nature bin und somit sozialisationsbedingt eine gesunde abneigung gegen karnevalsumzüge und kostüme aller art entwickelt habe. kamelle halte ich für lebensgefährlich, denn in den wenigen momenten, in denen ich einem bonbonregen ausgesetzt war, trafen diese mich meistens schmerzhaft am kopf. auch brauche ich keine 3 kilogramm clownschminke im gesicht, federboas um meine brüste drapiert oder andere bunte fetzen, um in partystimmung zu kommen...diese irritieren mich eher, genau wie leute, die jedes jahr euphorisch der reise nach köln oder in andere karnevalshochburgen entgegen zittern, um dann als neandertaler, putzfrauen oder uhu-tuben verkleidet sich ins gewimmel stürzen.

fasching hat nichts mit kleiderschrank-orgien zu tun, sondern eher mit entwürdigen einkäufen bei woolworth, karstadt oder in anderen geschäften, in denen man sich irgendwas aus 100 % plastik kauft, was einem zu 100 % nicht steht.

normalerweise ist der spuk jedes jahr am aschermittwoch vorbei, da in unserem christlich geprägten land die fastenzeit beginnt und wenn auch nicht jeder das nutellaglas im schrank verschwinden lässt, so sollte man doch vor verkleidungsparties gefeit sein. nicht in diesem fall, nicht mit isabelle, nicht in dieser wg im ignoranten oldenburg, hier fängt der spass erst an, hier wird am samstag die sau rausgelassen und die wg verwandelt sich für eine nacht lang in den fernen orient. ich mittendrin.

"kein problem" werden jetzt einige denken, "mensch meeedchen verkleide dich doch als bauchtänzerin", liegt doch nah die idee: ein paar tücher, ein paar glöckchen, ein wenig tüddelüt, viel nackte haut und fertig ist die laube. aber so einfach ist das nicht...ungünstigerweise habe ich mir während der wintermonate überlebensnotwendigen bauchspeck angelegt, der mich wirklich und wahrhaftig zu einer BAUCHtänzerin werden lassen würde und dieses gebilde will ich wirklich im moment nicht zur schau stellen, ausser jemand empfiehlt mir ein zwei-tage-work-out, dass auf wundersame art und weise ohne reduktion der nahrungsaufnahme die pfunde schmelzen lässt.

der vorschlag mich als orient-express zu verkleiden, stürzte meine beste freundin angelika und mich am telefon in unkontrollierte lachanfälle bei der vorstellung wie ich mit einem räuchermännchen auf dem kopf als dampflokomotive durch die wg schuggele, während ich hinter mir liebevoll gebastelte pappkartons (einen speisewagen-schuhkarton, einen erste-klasse-karton, schlafwagen-pappbehälter usw. ...) herziehe, über die lauter angetrunkene scheiche und mullahs stolpern.
super idee, leider zu aufwendig.

auch der vorschlag mich als selbstmordattentäter ins getümmel zu stürzen, wurde schnell wieder verworfen. unabhängig davon, dass diese verkleidung wirklich sehr geschmacklos ist, kann ich mir kaum vorstellen, dass ich eingehüllt in palästinensertücher, behängt mit einer plastik-kalaschnikow und selbstkreierten bombenbausätzen weiter als bis zum hamburger hauptbahnhof käme, wo ich dann vom bundesgrenzschutz abgeführt, den rest der nacht in einer zelle verbringen dürfte. der oldenburger bahnhof wäre somit ein unerreichbares ziel.

was dann?

wie sieht zum beispiel eine fatamorgana aus? sind meine brüste vielleicht die ideale vorlage für kamelhöcker? kann ich nicht vielleicht auch als marienkäfer gehen, der sich im orient verirrt hat (das zumindest würde das kostümproblem lösen, denn meine dreijährige tochter hat sich dieses jahr zum kinderfasching als käferchen verkleidet. ich würde zwar aussehen wie eine rote leberwurst mit schwarzen punkten, weil uns doch einige kleidergrössen trennen, aber immerhin müsste ich nicht weiter grübeln und mit den zähnen knirschen)?

fragen über fragen, die ich bis jetzt nicht beantworten konnte.
mittlerweile bin ich soweit, dass ich einfach als "zuggermuddi zu besuch im orient" gehe, dann käme doch ein stinknormales samstag-abend-ausgeh-superheldinnen.-dress zum einsatz.
allerspätestens nach dem 7. astra wäre das eh jedem egal:

nachts sind alle scheiche blau.

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